Bericht über das Schicksal der zweiten Flotte der Andar

Eintrag im Logbuch der Frostbringer, Flaggschiff der 3. Flotte der Andar 13. Tag im 42. Mondlauf nach der Dämmerung

Bericht über das Schicksal der 2. Flotte der Andar

Am Morgen des 13. Tages im 42. Mondlauf nach der Dämmerung näherten sich die Schiffe unserer Flotte der Meerenge von Nosragard, um diese zu passieren. Der Ausguck meldete Segel am Horizont, welche sich bei weiterer Annäherung als die Schiffe der 2. Flotte herausstellten, welche vom Rat der Drei Isgorads zur Bewachung der Meerenge abkommandiert worden war.

Meister der Klinge General Eresthis, Oberbefehlshaber über unsere Schiffe, befahl, sich der 2. Flotte weiter anzunähern und die Standarten der Begrüßung zu hissen.

Die Schiffe der beiden Flotten der Andar hatten sich bis auf etwa 3 Seemeilen aneinander angenähert, als das Unglück seinen Lauf nahm. Urplötzlich zerbarst der Rumpf der Nordwind von der 2. Flotte, zermalmt zwi-schen den riesigen Kiefern eines Wesens, welches den schlimmsten Alpträumen entsprungen zu sein schien. Ein Leib, gut 80 Schritt in der Länge, erhob sich aus dem Meer, dort wo sich bis vor wenigen Augenblicken noch die Nordwind befunden hatte, und riss zwei weitere Schiffe der 2. Flotte mit in die Tiefe.

Der massige Kopf des Monstrums war mit langen spitzen Hornfortsätzen bewehrt, die sich wie gefrorene Klingen nach Hinten zogen. Ein ums andere Mal schnellte das Wesen an die Oberfläche und die gewaltigen Kiefer zertrümmerten die Rümpfe der verbliebenen Schiffe, als wären es Nussschalen, die von einem Hammer getroffen wurden.

Der Besatzung der Frostbringer und der anderen Schiffe unserer Flotte blieb nichts anderes übrig, als fas-sungslos das Unglück aus der Ferne zu beobachten. So schnell, wie das Monstrum erschienen war, so schnell war alles vorüber. Dort, wo sich vor wenigen Augenblicken noch die stolzen Schiffe der 2. Flotte befunden hatten, zeugten nun nur noch vereinzelte Trümmer von ihrem Verbleib.

General Eresthis befahl unseren Schiffen, umgehend seichtere Gewässer in Küstennähe anzusteuern, in der Hoffnung, dadurch das Monstrum davon abzuhalten, auch noch uns anzugreifen. So entfernten wir uns von dem Ort, der so plötzlich wie überraschend das Grab für hunderte unserer Brüder und Schwestern geworden war.

Nachdem wir eine Bucht an der Küste erreicht hatten und uns dort in Sicherheit wähnten, berief General Eresthis ein Treffen mit den Kapitänen der 3. Flotte ein, um über das weitere Vorgehen zu beraten. Schnell bestand Einigkeit, dass wir herausfinden mussten, ob es Überlebende des Massakers gab.

Kapitän Aridis bot an, sein Schiff mit einer kleinen Gruppe von Freiwilligen zu bemannen, um das Wagnis einzugehen, an den Ort des Geschehens zurückzukehren und nach Schiffbrüchigen zu suchen. So ward es beschlossen und wenig später verließ ein einzelnes Schiff mit einer kleinen Zahl Unerschrockener an Bord die sichere Bucht gen offene See.

Für den Rest von uns begann eine bange Zeit des Wartens. Die Stunden vergingen und die Zeit schien sich schier unendlich auszudehnen. Schon begann die Hoffnung auf eine Rückkehr unserer Kameraden zu erlö-schen, als der Matrose, welcher den höchsten Mast erklettert hatte, ausrief, in der Ferne Segel erspäht zu haben.

Und tatsächlich, es stellte sich heraus, dass es sich um unsere Kameraden handelte, welche den Tod herausge-fordert hatten. Schnell kam das kleine Schiff näher und warf schließlich in der Bucht, wo der Rest von uns Zuflucht gefunden hatte, Anker.

Alsbald ließen die Rückkehrer ein kleines Beiboot zu Wasser, in das Kapitän Aridis und einige Matrosen seiner Besatzung stiegen. Sobald alle sicher Platz genommen hatte, fingen die Matrosen an zu rudern und das kleine Boot steuerte in Richtung der Frostbringer, um General Eresthis Bericht zu erstatten.

Überlebende hatte man nicht finden können. Von den hunderten Matrosen und Soldaten der 2. Flotte waren nur vereinzelte schaurig zugerichtete Leichen übrig geblieben, die von den gewaltigen Kräften des Seemons-ters zermalmt worden waren. Man hatte das, was von ihren Leibern übrig geblieben war, geborgen, um sie zurück in die Heimat zu bringen. Der weitaus größte Teil der Besatzungen hatte in den unergründlichen Tie-fen des Meeres oder zwischen den Kiefern des Monsters ihr Grab gefunden.

Wenngleich es keine Zeugen aus Fleisch und Blut gab, die von dem Hergang des Unglücks aus nächster Nähe berichten konnten, so hatte man einem Wunder gleich die kleine, in Öltuch eingewickelte Kiste bergen kön-nen, in der sich das Logbuch der Nordwind befand. Vorsichtig wurde die Kiste geöffnet und das Logbuch entnommen, ein stiller Zeuge der letzten Geschehnisse auf den Schiffen der 2. Flotte.

Aus den letzten Eintragungen des Logbuchs ging hervor, dass die Schiffe der 2. Flotte bereits seit mehr als einem Mondlauf die Meerenge von Nosragard patrouilliert hatten. Seit geraumer Zeit berichteten die Besat-zungen der Schiffe von riesigen Fischschwärmen, die sich immer wieder ihren Schiffen näherten.

Es wurde beschrieben, dass die Schwärme riesigen Unterwasserwolken gleich meist langsam neben den Schif-fen her trieben oder ihren Weg kreuzten. Es schien fast so, als wenn jeder der Schwärme einem übergeordne-ten Willen folgte, der die unzähligen glänzenden Körper in wundersamer Gleichzeitigkeit die Richtung än-dern ließ.

General Eresthis zog aus dem Bericht die Schlussfolgerung, dass die Präsenz der Fischschwärme und das Auf-tauchen des Seemonsters in einem direkten ursächlichen Zusammenhang stehen könnten.

Daher werden sämtliche Schiffe der Andar mit sofortiger Wirkung angewiesen, große Fischschwärme zu mei-den und, sollte der Ausguck in der Ferne einen Schwarm erspähen, schnellstens ein Ausweichmanöver einzu-leiten. Des Weiteren ist die Position der Schwärme anderen Schiffen mitzuteilen, so dass auch diese die Schwärme weiträumig umfahren können.

Am Morgen des 14. Tages im 42. Mondlauf nach der Dämmerung verließen unsere Schiffe die Bucht, in der sie Zuflucht gefunden hatten und setzten Segel gen Isgorad. Es ist unsere Pflicht, dem Rat der Drei von dem Schicksal der 2. Flotte zu berichten und die Überreste unserer Kameraden nach Hause bringen.

Gezeichnet

Joharis, Kapitän der Frostbringer

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