Das Ende

Alles ist noch in Nebel, doch versuche ich die Ereignisse in Worte zu fassen, wie es meine Pflicht ist.

Ich bin Ezra Polarpfote, zweiter Sohn von Hoya und Drewan Polarpfote. Von Beruf bin ich Kastellan des Rathauses und der Verteidigungsanlagen. Ich korrigiere: ich war Kastellan.

Von Angang:

Schlaftrunken wachte ich heute Morgen auf. Gestern Abend habe ich lange die abgeschlossene und bestandene Ausbildung meiner 2. Tochter gefeiert. Doch musste ich zum Dienst ins Rathaus, wie jeden Tag, die Ratssitzung vorbereiten. Als ich im Ratssaal ankam, wunderte ich mich. Die meisten der Ratsmitglieder waren schon anwesend. Das war sonst nicht ihre Art. Ich wollte hastig alles vorbereiten und dabei geschah es: Ich überflog beiläufig die Punkte der heutigen Sitzung und blieb bei Punkt 3 hängen. Dort stand „Neuen Kastellan berufen“. Alle anderen Punkte wurden Augenblicklich aus meinem Kopf verdrängt. Was hatte das zu bedeuten, was war passiert und wo sollte ich hin? Seit meiner dritten Ausbildung habe ich nichts anderes gemacht als mich um die Verwaltung und Instandhaltung zu kümmern.

In diesem Moment – ich weiß nicht, wie lange ich regungslos auf die Tafel schaute – kam Ratsmitglied Alyara zu mir und führte mich zu einem von drei Stühlen, die am Kopf des Ratstisches standen. Ich setzte mich und wartete. Niemand sprach ein Wort mit mir. Die Zeit verging wie in Zeitlupe und als ich wieder aufblickte waren auch die beiden Stühle zu meiner Linken besetzt. Direkt neben mir saß Zithembe, der Sohn des Caun. Er war im Dorf unbeliebt, da er sich immer auf dem Ansehen seiner Mutter ausgeruht hat und sehr überheblich war. Der letzte Stuhl wurde von Ratsmitglied Milah besetzt. Nun wurde mir klar, was das Ganze zu bedeuten hatte:

Es wurde ein neuer Caun gewählt.

Jilyana musste letzte Nacht verstorben sein. Das erklärte den gesenkten traurigen Blick aller Anwesenden. Wir waren die von Caun Jilyana ausgewählten Kandidaten. Ihr Sohn Zithembe, ich als ihr Kastellan und – wie in den Gesetzen festgeschrieben – Milah als Vertreter der Wache und der Armee. Als ich begriff, legte ich Zithembe die Pfote auf die Schulter. Seine Ohren zuckten kurz, ansonsten keine Reaktion. Von der Wahl bekam ich nicht viel mit, nur dass ich sie anscheinend gewonnen hatte. Zithembe wurde aus dem Saal geleitet, Milah setzte sich auf ihren Ratsplatz neben mir und war die Erste, die mir gratulierte. Ich wurde aufgefordert, den Platz von Caun Jilyana einzunehmen. Es fühlte sich falsch an. Nun gratulierte mir auch Alyara – als Vertreterin des Handwerks saß sie neben Milah. Die anderen Ratsmitglieder folgten mit den Glückwünschen und so gingen wir zur Tagesordnung über. Punkt 2 „neuen Anführer der Wache und Armee wählen“ wurde gestrichen. Nun kam Punkt 3 „einen neuen Kämmerer wählen“. Diesen Punkt ließ ich kraft meines neuen Amtes streichen und berief mich einfach selbst. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Dorf zu regieren so viel Arbeit macht, dass ich mich nicht mehr um die Wehranlagen und das Rathaus kümmern kann. Wir werden sehen. Punkt 4 lautete: eine Vision für meine Regierungszeit finden. Ob es die Euphorie war oder ein genialer Geistesblitz wird die Zeit zeigen, aber wir berieten uns und entschieden uns für ein Ende der Isolation. Viel zu lange hatten wir unsere Grenzen nicht mehr verlassen. Niemand hatte es zunächst vermocht und später gewagt, das schützende Dorf oder unsere umzäunten Weiden, Felder und Wälder zu verlassen. Eine neue Ära sollte mit dem heutigen Tage beginnen. Ein Ende der begrenzten Rohstoffe, des begrenzten Platzes und ein Ende der Ungewissheit, was uns in unserer Nachbarschaft erwartet.

Punkt 5 war die Bekanntmachung meiner neuen Position im Dorf. Dazu wurde die Dorfglocke geläutet und alle versammelten sich auf dem Marktplatz vor dem Rathaus. Zithembe konnte ich nicht entdecken – ob es die Trauer war oder ich nun einen eifersüchtigen Widersacher habe kann ich nicht sagen. Da mit meiner Ernennung auch die Nachricht über Jilyanas Tod die Runde machte, waren die Gefühle auf dem großen Platz gemischt. Doch das soll mich nicht weiter beschäftigen. Nun liegt es an mir unser Dorf und unser Volk in eine große Zukunft zu führen und ihnen allen ein guter Anführer zu sein, der ihnen ein gutes Leben ermöglicht.

Erster Eintrag vom neuen Caun Ezra Polarpfote in die Annalen von Amanbar,
Hauptstadt des neu ausgerufenen Reiches Lavantawar.

Ezra Polarpfote
16. SL 1. ML 4. WL nz.

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