Das Erwachen des Seelenjägers

In den vergangenen Monden hallte das Lied der Totensänger vermehrt durch die Städte und Dörfer Isgorads, dem Reich der Andar. Die sanfte Melodie, bekannt als die Weise der Seelen, soll das ewige Eis, dem die An-dar die Hüllen ihrer Verstorbenen übergeben, auf die Ankunft der Seelen einstimmen. Nur so kann der Geist eines Verstorbenen eins mit dem Eis werden und darin Ruhe und Geborgenheit finden.

Wird einem Verstorbenen dieses letzte Geleit jedoch verwehrt, so berichten alte Legenden, dass seine Seele ruhelos umherirrt – ein leichtes Opfer für einen düsteren Geist, dessen Name nur im Flüsterton und hinter vorgehaltener Hand ausgesprochen wird: Ysgramur, der Seelenjäger.

Unermüdlich durchstreift diese finstere Kreatur die Welt zwischen Leben und Tod, auf der Suche nach den verlorenen Geistern, die nicht durch die Weise der Seelen mit dem ewigen Eis vereint wurden. Er nährt sich an ihnen, sammelt Kraft und verfolgt ein einziges Ziel: die Schwelle zwischen Geist und Materie zu über-schreiten und in die Welt der Lebenden einzutreten.

Hat der Seelenjäger im Laufe der Zeitalter genug Seelen verschlungen, vermag er sich zu manifestieren – ein Körper aus Eis, getrieben vom unstillbaren Hunger nach Leben. Von diesem Moment an wird der Ysgramur zur Geißel der Lebenden, macht erbarmungslos Jagd auf sie und wächst mit jeder lebenden Beute, derer er habhaft werden kann.

Vor kurzem war es soweit: das lange und geduldige Warten des Seelenjägers fand ein Ende.

In der Schlacht von den Sturmzinnen, bei der es den Andar gelang, die letzten Nebelwesen innerhalb ihres Reiches zu vernichten, fiel eine große Zahl tapferer Krieger. Die herbeigeeilten Totensänger konnten nicht allen Gefallenen rechtzeitig mit der Weise der Seelen den nötigen Schutz gewähren.

Das Festmahl, das sich dem Seelenjäger nach der Schlacht mithin geboten hatte, reichte nunmehr aus, um ihm die Kraft zu verleihen, eine körperliche Gestalt anzunehmen.

Wenige Mondläufe nach der Schlacht wurden die Einwohner der noch jungen Siedlung Rhungard, die in den Sturmzinnen nahe dem ehemaligen Schlachtfeld errichtet worden war, aus dem Schlaf gerissen. Die wenigen Bewohner, die noch dazu in der Lage sind, berichten von einer alles durchdringenden erbarmungslosen Kälte, wie sie nicht in der Natur vorkommt. Niemand hatte zuvor etwas Vergleichbares gespürt und alarmiert eilten die Bewohner nach draußen, um nachzusehen, was diese Kälte hervorgerufen hatte.

Dort sahen sie sich dem leibgewordenen Schrecken des Seelenjägers gegenüber, der an dem Ort des Schlacht-felds, an dem der Kampf gegen die Schattenwesen einstmals am heftigsten tobte, die Welt der Lebenden be-treten hatte.

Der Körper, den der Ysgramur angenommen hat, überragt einen ausgewachsenen Andari um mehr als das Doppelte. Das Wesen besteht aus purem, blauweißem Eis, durchzogen von Rissen, in denen kaltes Licht pul-siert wie gefrorenes Feuer. Seine grellblauen Augen glühen mit feindseliger Intelligenz und Grausamkeit. Die Arme enden in langen, messerscharfen Klauen aus verdichtetem Kristall, die mühelos durch Stein oder Stahl schneiden können. Treffen diese Klauen ein Lebewesen, kann es augenblicklich zu Eis erstarren und unter der Wucht des Schlages in unzählige Splitter zerspringen.

Nur wenige Bewohner von Rhungard wissen noch von den Ereignissen jener Nach zu berichten. Die meisten fielen den unbarmherzigen Klauen des Seelenjägers zum Opfer. Seitdem hinterlässt der Ysgramur eine Spur des Schreckens und der Verwüstung in Isgorad.

Eine Siedlung nach der anderen wird von ihm heimgesucht. Wer nicht rechtzeitig flieht, wird Teil seiner Beu-te. Ob es dem Rat der Drei von den Andar gelingen wird, eine Streitmacht zu formen, die diesem uralten Grauen Einhalt gebieten kann, ist ungewiss.

Denn selbst wenn es gelänge, den Körper des Ysgramur zu vernichten, so sagen die Legenden, dass sein Geist nicht vergeht. Er zieht sich zurück in die Schatten der Zwischenwelt, setzt seine Jagd im Verborgenen fort – stets auf der Suche nach neuen ruhelosen Seelen, um eines Tages erneut Gestalt anzunehmen.

Gezeichnet
Der Bewahrer der Erinnerungen

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