Das Til’Anin

Ich durfte Zeuge einer beeindruckenden Tradition der Feylar werden. Ich gehe davon aus, dass das Ritual einst aus der Not erwachsen war. Das Gebiet Ely’Thiens gilt als gemeinhin rohstoffarm und so ist Material für Werkzeug und zum Bauen rar. Die Knochen sind also zunächst schlicht notwendig gewesen, da Metalle selten und kostbar waren und auch immer noch sind. So ist letztlich aus der Notwendigkeit ein eigenes Ritual mit kultureller Wichtigkeit geworden.
Dieser Wichtigkeit wurde ich auch gewahr, als ich mit einem Angehörigen des Hauses Tir’Saik sprach. Dieser teilte mir mit, dass es eine eigene Legende zum Ursprung dieser Tradition gibt. In den Annalen der Feylar soll geschrieben stehen, dass vor vielen Mondläufen, gar bevor es die heutigen Häuser überhaupt gab, eine Gruppe von Feylar auf der Suche nach neuen Siedlungsgründen war. Die Expedition war schwierig, das Gelände uneben, die Gefahren durch Tiere und Pflanzen groß. Eines Tages schlugen sie sich durch das Dickicht eines Dschungels, als sie eine große Lichtung entdeckten, die von einem Fluss durchzogen war. Sogleich erkannten sie, dass dieser Ort der Lohn für all’ die Strapazen sein und hier eine neue Stadt gebaut werden könnte. So machten sie sich daran, ein Lager zu errichten.
In der Nacht jedoch, kam der Schrecken des Dschungels erneut zu ihnen. Vier der Feylar wurden von Tuklur in ihren Zelten zerfetzt und ein kleines Feuer brach wohl durch eine umgeworfene Laterne aus, was Teile ihrer Ausrüstung zerstörte. Zwar konnten die Tiere verscheucht werden, aber der Schock saß tief. Dennoch entschieden die Verbliebenen, an diesem Ort zu verweilen und hier eine Stadt zu gründen. Aufgrund der fehlenden Ausrüstungen waren sie gezwungen, sich einen Ersatz zu suchen und so wurden das erste Mal in einer feierlichen Atmosphäre Knochen der gefallenen Feylar entnommen. Aus diesen Knochen wurden die ersten Fundamente der heutigen Hauptstadt Laa’und gefertigt.

Das Ritual , welches später Til’Anin genannt werden würde, dient auch heute noch dem Zwecke, Knochen der Gestorbenen der Gemeinschaft zuzuführen und für anderweitige Zwecke nutzbar zu machen. So werden die Gebeine nahezu überall im alltäglichen Leben verwendet, sei es als Werkzeuge, Besteck, Körper- oder Kleidungsschmuck oder auch ganz pragmatisch in Pulverform für Farben oder zum Bauen. Denn es ist der Glaube der Feylar, dass in den Knochen die Essenz der Verstorbenen ruht. Daher ist die Entnahme der Knochen eine Ehre und der letzte Dienst an die Gesellschaft und nur schweren Kriminellen wird das Til’Anin verwehrt. Dies ist gleichbedeutend mit einem Vergessen des Verstorbenen, da er in Gänze verbrannt oder vergraben wird, was als Schande gilt.
In der Regel ist das Ritual eine private Angelegenheit der Familien oder der Häuser, je nach sozialem Rang, und wird eher zurückgezogen auch zur Trauerbewältigung in kleinem Rahmen abgehalten.
Aufgrund der besonderen Umstände bezüglich des Zusammenstoßes an der Grenze des Reiches mit den Feuerelfen hatte die Shi’Bath jedoch entschieden, ein öffentliches Til’Anin für all jene Gefallene abzuhalten, die bei dem Zwischenfall ihr Leben gelassen hatten. Zudem sollte diese besondere Ehre auch als Zeichen der Versöhnung Telara Sin’Qilials mit dem Haus Nil’Tenim verstanden werden.

An dem heutigen klaren, sonnigen Tag versammelten sich die Feylar unter freiem Himmel, um den Gefallenen die letzte Ehre zu erweisen. Die Sonne stand warm und hell am Himmel, ihr Licht tauchte die Szene in ein goldenes Leuchten, fast als wolle die Natur selbst Trost spenden.
Die Zeremonie begann mit einem langsamen, tiefen Trommelrhythmus. Die Trommeln wurden von Musikern gespielt, die in einer Reihe nahe den aufgebahrten Feylar standen. Ihr Klang war rhythmisch, beinahe meditativ – wie ein pochender Herzschlag, der den Übergang zwischen Leben und Tod begleitete. Mit jedem Schlag schienen sie den Schmerz aber auch den Stolz der Trauernden aufzufangen und in die Luft zu tragen.

Zwischen den Trommelklängen trat die Shi’Bath hervor und erzählte aus dem Leben der Verstorbenen – nicht nur die traurigen, sondern auch die freudigen Erinnerungen. Danach griffen auch Angehörige zu kleinen Trommeln oder Rasseln. Gemeinsam entstand so ein lebendiger Klangteppich – ein musikalischer Abschied, der zugleich Würde, Dankbarkeit und Hoffnung in sich trug.

Als Mitglieder der Hauses Kal’Dar die Bühne betraten, verstummten die Trommeln langsam wieder und auch wenn ich über die martialisch anmutende Tat kaum hinwegsehen konnte, so glitten die Klingen perfektionistisch und filigran durch die Häute der Gefallenen. Es kam einem Tanz gleich, wie die Körper der Feylar geöffnet und die Knochen fein säuberlich von Muskeln und Sehnen getrennt wurden. Ich wunderte mich über das fehlende Blut, doch mir wurde erklärt, dass die Kal’Dar eine Möglichkeit beherrschten, Körperflüssigkeiten in eine geleeartige Masse zu verwandeln, wodurch das Ritual nahezu unblutig und gerade zu sauber ablief. Auch die Knochen waren strahlendweiß – was wohl auch der Arbeit des Hauses Kal’Dar zu verdanken war.

Knochen um Knochen wurde entnommen, während die Anwesenden langsam wieder begannen zu trommeln und schweigsam dem Treiben folgten. Es dauerte nicht länger als eine halbe Stunde, dann waren alle Knochen entnommen und auf Baren gestapelt. Die Angehörigen durften diese nun an sich nehmen und trugen diese in einem feierlichen Geleit durch Laa’und zu ihren jeweiligen Häusern, wo sie für die weitere Verwendung verarbeitet werden würden.

Für Außenstehende mag dieses Ritual brutal und grotesk wirken und auch ich hatte große Schwierigkeiten, das Til’Anin als Ehre und Würdigung zu verstehen. Doch der Klang der Trommeln, die Atmosphäre mit dem goldenen Licht der Sonne und der Rede der Shi’Bath nahmen mich in ihren Bann und ich begann zu verstehen, warum diese Tradition einen so hohen Stellenwert in der Kultur der Feylar hat. Meines Erachtens nach erkennt man daran sowohl die Essenz der Knochenelfen als auch deren Respekt gegenüber den Toten.

Jordan Hardlinger,
Schreiber der Analen der Feylar zum Anbeginn der neuen Zeit,
Stimme der Shi’Bath Telara Sin’Qilial im Vne Thall
und im Austausch mit den Völkern Darshivas

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