Der Fall von Cysgod y Dŵr – Teil 1: Ein stilles Dorf

Cysgod y Dŵr war ein Dorf, das eher im Flüstern als im Rufen lebte.
Zwischen den knorrigen Wurzeln der Bäume schlängelten sich schmale Bäche hindurch, sprangen über Steine, glitten unter einfachen Holzstegen entlang und ergossen sich schließlich in einen breiten See, der wie ein stilles, dunkles Auge am Rand ihres Gebietes lag. Um dieses Auge herum hatten die Cwtsh ihre Häuser in den Hynafiaidbäumen gebaut, runde Bauten aus Holz wie grosse Nester, kleine Plattformen über dem Wasser, Stege, die wie ein loses Netz alles verbanden.

Die Cwtsh taten, was getan werden musste. Niemand war „Bauer“ oder „Wächter“ oder „Handwerker“, sie waren einfach Cwtsh. Wer sah, dass ein Steg morsch wurde, holte Holz. Wer bemerkte, dass jemand allein am Ufer saß, setzte sich dazu. Wer wach war, wenn die anderen noch schliefen, machte Feuer und wärmte Wasser. So funktionierte Cysgod y Dŵr: nicht durch Befehle, sondern durch Gewohnheit und Aufmerksamkeit.
An diesem Morgen war die Luft kühl und klar. Einige Cwtsh standen knöcheltief in einem der Bäche und wuschen Wurzeln. Andere flochten Seile, flickten Dächer, sortierten getrocknete Früchte. Kinder ließen Blätter auf dem Wasser ziehen und stritten leise darüber, welche am weitesten kamen.
Es war ein Tag, wie es viele hätte geben können.
Dann begann der Steg zu zittern.
Zuerst so leicht, dass man es für Einbildung halten konnte. Ein feines Beben, das sich durch die Holzplanken zog und in den Sohlen kitzelte. Ein junger Cwtsh hielt inne, den Korb noch in den Händen, und blickte verwirrt auf. „Habt ihr das gespürt?“ fragte er. „Der See bewegt sich nicht“, murmelte ein älterer Cwtsh und klopfte eine Frucht aus. „Vielleicht—“
Das Zittern kam wieder. Deutlicher. Jetzt hörte man es: dumpfe, schwere Aufschläge, unregelmäßig und doch im gleichen Rhythmus. Kein Trippeln kleiner Pfoten, kein Rollen eines Wagens – etwas Größeres, das sich schnell näherte. Die Cwtsh schauten zum schmalen Pfad, der aus dem Wald zum Dorf führte.Sie sahen zuerst nur Bewegung zwischen den Bäumen. Dann traten sie ins Freie.
Cryf Marchogol. Sie waren so groß wie Pferde, wie man sie aus Erzählungen kannte – Körper aus dichtem Fell und kräftigen Muskeln, die langen Gliedmaßen sehnig und gespannt wie Bögen. Wo normale Cwtsh Pfoten hatten, trugen diese Wesen mächtige Pranken mit gebogenen, dunklen Klauen, die sich in Holz und Erde bohren konnten. Keine Gürtel, keine Rüstung, keine Werkzeuge – nur Fleisch, Knochen und Instinkt, verdichtet zu etwas, das geschaffen war, um sich schnell zu bewegen und Dinge zu zerschmettern. Wenn einer von ihnen auf die Stege trat, ächzten die Bretter und das Wasser darunter zitterte. Doch in ihren Augen lag Klarheit, kein blinder Rausch. Sie waren nicht wild. Sie waren fokussiert.
Auf dem vordersten Cryf saß ein normal großer Cwtsh. Arweinydd. Er saß nicht in einem Sattel – seine Beine klammerten sich an den Brustkorb des Cryf, seine Hände hatten sich in das Fell an dessen Nacken gegraben, wie jemand, der das schon oft getan hatte. Der Cryf trug ihn, als wäre dieses Gewicht selbstverständlich, als wäre dieser Reiter ein Teil von ihm.
Der Trupp verlangsamte sich, als er die ersten Stege des Dorfes erreichte. Die Cryf setzten ihre Pranken nun vorsichtiger, aber das Holz knarrte immer noch bedrohlich. Einige Cwtsh wichen instinktiv zurück, andere rückten näher heran, die Augen groß, die Ohren aufgestellt.
Der Cwtchaf war schon auf dem Hauptsteg, als Arweinydds Cryf zum Stehen kam. Arweinydd ließ sich mit einem geschmeidigen Rutsch von der Schulter seines Reittiers gleiten und landete leise auf den Planken. Im Vergleich zu den Cryf wirkte er klein, fast gewöhnlich – ein Cwtsh mit olivgrünem Fell, ein paar Staubspuren darauf, eine feine Schramme an der Seite. Sein Atem war ruhig.
Einen Moment lang standen sie sich gegenüber – der Cwtchaf, barfuß auf dem Holz, und Arweinydd, der noch die Wärme des Cryf in den Händen spürte. „Cwtchaf von Cysgod y Dŵr?“ fragte Arweinydd. „Das bin ich“, antwortete der Alte. „Und du bist weit gelaufen, Arweinydd.“ Arweinydd warf einen kurzen Blick zurück auf seine Cryf, die still hinter ihm standen, nur die Muskeln unter der Haut leicht zuckend. „Wir sind weit gelaufen“, korrigierte er. Dann sah er wieder zum Cwtchaf. „Und ich bin durch euer Gebiet zurückgekehrt, weil ihr wissen müsst, was jenseits des Nebels liegt.“
Jetzt waren auch die restlichen Cwtsh näher herangerückt. Manche hielten sich an Pfosten fest, andere schoben neugierig den Kopf zwischen Nachbarn hindurch. Die Kinder waren still geworden.
„Erzähl es uns“, sagte der Cwtchaf. Arweinydd nickte langsam. „Der Nebel ist gewichen“, begann er. „Dahinter ist Land. Nicht wie hier – trockener, rauer, Berge mit wenig Schatten. Aber begehbar. Und es ist nicht leer.“ Ein kurzes, scharfes Einatmen ging durch die Menge. „Sie nennen sich Vila“, fuhr Arweinydd fort. „Sie haben uns gesehen, bevor wir sie sahen. Sie sind organisiert. Sie haben nicht angegriffen.“ Er ließ den Satz einen Herzschlag lang hängen. „Sie wollten sprechen.“
Die Cwtsh wechselten Blicke. Fremde, die zuerst sprechen und nicht zuerst schlagen – das war besser als vieles, was man hätte hören können. Aber niemand hier war naiv genug, nur das zu hören. „Und was haben sie gesagt?“ fragte der Cwtchaf.
Arweinydd strich sich eine Staubspur vom Fell, als wolle er Zeit gewinnen, die richtigen Worte zu wählen. „Sie sprachen von Grenzen“, sagte er dann. „Von Linien, die wir nicht überschreiten sollen. Von einem Landstreifen, den sie beobachten. Sie sagten, wir könnten auf unserer Seite gehen, schauen, vielleicht sogar bleiben – solange wir ihre Seite respektieren.“ Er sah dem Cwtchaf direkt in die Augen. „Sie sprachen von Frieden.“
Das Wort legte sich wie ein Stein ins Wasser. Die Ringe, die es schlug, waren nicht nur Erleichterung. „Glaubst du ihnen?“ fragte jemand aus der Menge, ohne zu sehen, wer noch dasselbe dachte. Arweinydd schwieg einen Moment und blickte zum See, der ruhig daneben lag, als ginge ihn das alles nichts an.
„Ich glaube“, sagte er leise, „dass sie sehr geübt darin sind, so zu sprechen, wie andere es gern hören. Und ich glaube, dass sie uns sehr genau beobachtet haben, bevor sie das erste Wort an uns richteten.“ Er atmete aus. „Aber sie haben nicht zugeschlagen“, fügte er hinzu. „Und sie haben akzeptiert, dass wir auf unserer Seite des neuen Landes sind. Das ist die Lage.“
Der Cwtchaf nickte langsam. „Du bist durch unser Dorf gekommen, um uns das zu sagen“, stellte er fest. „Ja“, antwortete Arweinydd. „Weil der Weg zum freigewordenen Land an eurem See vorbeiführt. Und weil ihr entscheiden müsst, ob Cwtsh aus Cysgod y Dŵr dorthin gehen wollen.“ Ein älterer Cwtsh trat vor. „Und wenn wir gehen“, fragte es, „wirst du dann wieder auf deinen Cryf steigen und uns zur Seite stehen, wenn diese Vila doch nicht so friedlich sind, wie sie klingen?“ Arweinydd sah noch einmal kurz zu dem Cryf, auf dem er eben gesessen hatte. Das Wesen stand still, die Klauen tief im Holz, die Augen wach. “Ich werde tun, was ich kann“, sagte er. „Aber ich werde euch nichts versprechen, was ich nicht halten kann. Was ich euch geben kann, ist mein Bericht – und mein Rat, ihnen nie ganz zu trauen, egal wie weich ihre Stimmen sind.“
Der Cwtchaf drehte sich zum Dorf. „Heute Abend“, rief er, „wird Arweinydd allen, die zuhören wollen, erzählen, was er gesehen hat. Danach entscheiden wir gemeinsam, ob wir jemanden in dieses neue Land schicken.“ Die Cwtsh begannen, sich zu verteilen – zurück zu Körben, Seilen, Wasser und Dächern. Doch ihre Bewegungen waren anders als zuvor: langsamer, gedankenschwerer. Und immer wieder glitten Blicke zu den Cryf am Dorfrand und zu dem Pfad, der hinaus in eine Welt führte, in der nun ein neuer Name stand: Vila.
Damals, an diesem Morgen, klang er noch nicht nach Blut. Das sollte sich ändern.
Am Abend lag ein blasses Licht über Cysgod y Dŵr, das sich im See verfing, bevor es ganz verging. Diesmal versammelte sich die Cymuned nicht direkt am Ufer, sondern im kleinen Hain der Hynafiaid. Vier mächtige Stämme standen dort, ihre Kronen ineinander verschlungen, gefüllt mit den Nestern der Cwtsh. In ihrem Schatten hatten die Cwtsh einen kreisförmigen Platz freigehalten – nicht aus Ehrfurcht im prunkvollen Sinn, sondern weil hier Entscheidungen besser atmen konnten.
Die Cwtsh setzten sich in einem lockeren Ring um die Wurzeln. Ältere vorne, Jüngere dahinter, einige lehnten sich mit dem Rücken an die warme Rinde. Die Cryf blieben diesmal am Rand des Hains – sichtbar, aber nicht im Mittelpunkt. Zwischen den Stämmen stand der Cwtchaf, ein Cwtsh mit tiefgrünem Fell und hellen Sprenkeln um die Augen: Lylrglas, „Blau des Wassers“. Neben ihm: Arweinydd.
Llyrglas legte beide Hände auf zwei unterschiedliche Stämme, die Finger leicht gespreizt. Er schloss die Augen einen Moment, atmete ruhig ein und aus, und als er sprach, war seine Stimme leiser als am See, aber fester. „Hynafiaid von Cysgod y Dŵr“, murmelte er. „Und ihr, die durch euch verbunden seid. Eure Jungen sind zurückgekehrt vom Rand des Nebels. Sie haben Vila gesehen. Sie haben ihre Worte gehört. Hört jetzt auch durch unsere Ohren.“
Ein paar der Jüngeren, Tonnwyn mit dem zotteligeren Fell, Coedgarw mit den rauen Händen, schlossen unwillkürlich selbst die Augen, als könnten sie vielleicht doch etwas davon mitbekommen, was die Hynafiaid durch das Wurzelnetz flüsterten. Llyrglas öffnete die Augen wieder und nickte Arweinydd zu. „Sprich“, sagte er. „Zu uns. Und zu ihnen.“
Arweinydd trat einen Schritt vor, so dass er die Cwtsh sehen konnte und zugleich die Stämme in seinem Rücken spürte. „Ihr kennt den Anfang“, sagte er. „Der Nebel ist zurückgewichen. Dahinter ist Land. Nicht schön, aber brauchbar.“ Er erzählte von den kahleren Hügeln, den rauen Bergen, den Büschen und Bäumen, die die Flanken säumen. Dann kam er zu den Vila.
„Wir sind nicht über sie gestolpert“, sagte Arweinydd. „Sie haben auf uns gewartet. In Reihen. Keiner zappelte, keiner kratzte sich, keiner sah sich um. Als hätten sie geübt, wie man ‚ruhig aussieht‘.“ Ein paar leise, nervöse Atemzüge gingen durch den Kreis. „Ihr Sprecher trat vor“, fuhr er fort. „Seine Stimme war weich, sein Gesicht… freundlich geschnitten. Er nannte uns Besucher. Nachbarn. Er sagte, sie schätzten Ordnung.“ Lylrglas‘ Finger vergruben sich etwas tiefer in der Rinde. Einige der Älteren vorne nickten leicht. „Ordnung“ war ein Wort, das man mochte und gleichzeitig misstrauen konnte.
„Sie stellten Fragen“, sagte Arweinydd. „Viele. Woher wir kommen. Wer bei uns entscheidet. Wie viele wir sind. Ob wir Verbündete haben. Ob wir unsere Leute ‚unter Kontrolle‘ haben, falls jemand etwas tut, das sie ‚missverstehen‘.“ „Und ihr?“ fragte ein älterer Cwtsh, Eirianris, mit golden-schimmernden Augen.
„Wir haben auch gefragt“, antwortete Arweinydd. „Wer sie sind. Was sie wollen. Ob sie kämpfen. Sie sagten: nur, wenn es nötig sei. Nur, wenn andere sie bedrohen. Sie sagten, sie wollten Frieden. Grenzen, damit niemand versehentlich Streit anfängt.“ „Sie wollten Karten von unseren Dörfern“, mischte sich Tonnwyn ein, der am Rand von Arweinydds Trupp gelaufen war. Ein paar Köpfe fuhren herum. Das hatte Arweinydd tatsächlich am Morgen nur angedeutet. „Ja“, bestätigte er. „Sie hätten gern gewusst, wo jede Cymuned steht. Im Namen der Sicherheit.“ „Und?“ fragte Coedgarw. „Ich habe ihnen das nicht gegeben“, sagte Arweinydd ruhig. „Ich habe gesagt: Es gibt viele Cwtsh. Sie sind verstreut. Und kein Dorf spricht für alle. Das stimmt.“

Ein hörbares Ausatmen ging durch den Kreis. Lylglas schloss wieder die Augen. Diesmal länger. Seine Schultern wurden schwerer, als würde etwas durch ihn hindurch laufen. Er sprach nicht, aber man merkte, dass er nicht allein in seinem Kopf war. Die Hynafiaid sprachen. Nicht mit Wörtern, sondern mit Eindrücken, Bildern, Drücken und Ziehen. Und was sie sahen, sahen sie nicht nur mit den Augen von Cysgod y Dŵr, sondern mit tausend Wurzeln irgendwo anders, die spürten, wie die Welt an ihren Rändern zitterte.
Als er wieder die Augen öffnete, waren sie etwas dunkler. „Die Hynafiaid haben gehört“, sagte er. „Nicht nur diese vier hier. Viele.“ Er hielt inne, suchte nach Worten, die das Unklare greifbar machen konnten. „Sie zeigen kein klares ‚Nein‘“, sagte er. „Sie zeigen auch kein leichtes ‚Ja‘. Sie zeigen… ein Feld am Rand einer Mauer. Fruchtbare Erde. Und viele Augen darüber.“ „Klingt nach uns und ihnen“, murmelte Eirianris. „Sie zeigen Wurzeln, die knapp an dieser Mauer entlanglaufen“, fuhr Llyr-glas fort. „Nicht drunter, nicht drüber, aber nah genug, dass man weiß: Wenn etwas einstürzt, sind wir sofort da.“
Ein paar der Jüngeren grinsten schief. Das war sehr deutlich. „Sie zeigen junge Cwtsh“, sagte Llyr-glas leiser, „die wissen, dass sie fallen können. Und im Fallen Wurzeln schlagen.“ Jetzt war es still. Richtig still. Melyndŵr, ein jüngerer Cwtsh mit hellgelblichem Fell, das zum Seeufer passte, hob zögerlich die Hand. „Meinst du… uns?“ fragte er. Llyrglas sah ihn lange an. „Ich meine die, die gehen wollen“, sagte er. „Die, die nicht so tun, als wäre das ein Spaziergang. Die wissen, dass sie sterben können – und trotzdem gehen.“ Er legte eine Hand flach auf seine eigene Brust. „Der Samen der Erkenntnis reift nicht bei denen, die blind stolpern“, sagte er. „Sondern bei denen, die sehen und trotzdem weitergehen.“
Arweinydd nickte leicht. „Als wir zurückliefen“, sagte er, „hatte ich das Gefühl, dass einige von euch… anders atmen. Nicht ängstlicher. Entschiedener.“ Die Blicke richteten sich nun wie von selbst auf eine kleine Gruppe in der Runde: Tonnwyn, Coedgarw, Melyndŵr und zwei weitere, deren Namen man selten laut aussprach, weil sie nie die ersten waren, die redeten, aber fast immer zuhörten.
Lylglas hob die Hände von der Rinde und trat einen Schritt vor. „Die Hynafiaid der Cymuned“, sagte er, „und die, die mit ihnen verbunden sind, verweigern uns den Weg nicht. Sie schicken uns keine Warnung, die sich wie Rückzug anfühlt. Sie zeigen ein Risiko. Und sie zeigen eine Möglichkeit.“ Er drehte sich leicht, so dass er die ganze Runde im Blick hatte. „Wir sind keine, die sich in ihren Nestern einrollen und warten, bis andere entschieden haben, wie die Karte der Welt aussieht“, sagte er ruhig. „Wir sind aber auch keine, die im Laufschritt Grenzen überschreiten, nur um zuerst dort zu sein.“
Er blickte auf die, deren Blicke nicht auswichen. „Darum frage ich nicht: Wer ist mutig?“, fügte er hinzu. „Ich frage: Wer hat verstanden, was es bedeuten kann, dort zu sterben – und geht trotzdem?“ Einen Moment lang bewegte sich niemand. Dann stand Coedgarw auf, kratzte sich kurz am Nacken und sagte nur: „Ich habe genug Dächer gebaut, um zu wissen, wie man aus wenig etwas macht. Ich gehe.“ Tonnwyn erhob sich ebenfalls. „Ich kann Wege finden“, sagte er. „Und wieder zurück.“ Melyndŵr sah zum Hain hoch, als wolle er prüfen, ob irgendetwas in den Blättern flackerte. „Wenn ich falle“, meinte er, „fall ich lieber an einem Ort, an dem noch kein Hynafiaid steht. Dann hat es wenigstens einen Sinn.“
Ein trockenes, aber ehrliches Geräusch von Zustimmung ging durch den Kreis. So sprachen Cwtsh, wenn sie Dinge ernst nahmen. Llyrglas trat zu ihnen, einer nach dem anderen, legte kurz eine Hand auf ihre Brust, nicht nur als Segen, sondern als Prüfung. Er schloss jedes Mal für einen Herzschlag die Augen. „Sie wissen es“, sagte er nach dem dritten leise, mehr zu den Hynafiaid als zum Dorf. „Der Samen ist da.“ Die Rinde hinter ihm knirschte kaum hörbar. Für ihn war es Antwort genug.
Er wandte sich wieder an alle. „Die Hynafiaid sprechen nicht im Chor von ‚Geht!‘ oder ‚Bleibt!‘“, sagte er. „Sie sagen: Wenn ihr geht, wissen wir, was ihr tragt. Und sie sagen: Wenn ihr fallt, werdet ihr nicht vergessen.“ Er sah zu Arweinydd hinüber. „Du hast uns gewarnt“, sagte er. „Du hast uns nicht gelockt. Das ist gut. Jetzt tun wir, was in unserer Natur liegt: Wir setzen eine kleine Wurzel an die Grenze. Kein Heer. Eine Siedlung.“ Arweinydd nickte. „Ich kann ihnen den Weg zeigen“, sagte er. „Aber nicht für sie entscheiden.“ „Das musst du auch nicht“, erwiderte Llyrglas. „Sie haben bereits entschieden.“
Er sah die Siedler an – nicht als Helden, nicht als zu Beklagende, sondern als Cwtsh, deren Weg an einem anderen Ort enden konnte als bei den Stegen von Cysgod y Dŵr. „Ihr geht“, sagte er. „Nicht, weil ihr sterben wollt. Sondern weil ihr bereit seid, zu leben, wo es gefährlich ist – und den Preis zu zahlen, wenn es so kommt.“
Er legte noch einmal beide Hände an die Stämme der Hynafiaid um sie. „Hynafiaid von Cysgod y Dŵr“, flüsterte er. „Und ihr anderen. Merkt euch ihre Namen. Wenn sie fallen, sucht ihre Körper. Lasst sie Wurzeln schlagen, wo jetzt noch nur der Blick der Vila wandert.“ Im Hain war wieder nur das leise Rascheln der Blätter zu hören. Für die meisten Cwtsh klang es wie Wind. Für Llyrglas klang es wie ein langsames, schweres Einverständnis.

Der Morgen ihres Aufbruchs war keiner, an den man später wegen seiner Schönheit dachte. Er war einfach klar. Kein Nebel lag über dem See, nur ein dünner Schimmer auf der stillen Oberfläche. Die Bäche murmelten wie immer zwischen Steinen und Wurzeln, als hätten sie nichts von der Versammlung im Hain mitbekommen. Das Dorf war früher wach als üblich – nicht hektisch, nur gleichzeitig.
Auf einem der breiteren Stege hatten die Cwtsh die wenigen Dinge bereitgelegt, die man mitnehmen konnte, ohne die Heimat auszuhöhlen: Bündel mit getrocknetem Obst, Nüssen und Wurzeln; ein paar robuste Holzwerkzeuge; Seile, Decken, einfache Tongefäße. Kein Metallglanz, keine Embleme. Wer gehen würde, sollte bauen, nicht prunken.
Coedgarw überprüfte zum dritten Mal die Knoten eines Tragegurtes, obwohl er beim zweiten Mal schon gehalten hatte. Seine Hände waren rau von Jahren an Holz und Seil, jetzt zitterten die Finger kaum merklich. „Wenn du noch fester ziehst, bricht der Ast, bevor du ihn tragen kannst“, murmelte Eirianris, die sich neben ihn gestellt hatte. Coedgarw atmete durch und ließ das Seil ein wenig lockerer. „Wenn er unterwegs bricht, ist es schlechter“, gab er zurück. Es war keine wirkliche Gegenrede, mehr das Bedürfnis, irgendetwas zu sagen, das nicht „Ich habe Angst“ hieß.
Tonnwyn stand nah am Wasser, das Fell leicht gesträubt, als lausche er dem leisen Zupfen der Strömung. Er drehte einen kleinen, glatten Stein in den Fingern. „Du kannst den See nicht mitnehmen“, bemerkte Melyndŵr, der neben ihm stehen geblieben war. Tonnwyn warf den Stein nicht, wie man es erwartet hätte, sondern steckte ihn in einen Beutel an seinem Gürtel. „Er muss nicht viel sein, um trotzdem zu schwer im Kopf zu hängen“, antwortete er.
Ein paar Cwtsh, die zurückbleiben würden, bewegten sich zwischen den Bündeln, reichten noch ein Stück getrocknetes Obst, banden hier ein loses Ende nach, legten dort die Hand auf einen Arm. Es gab keine langen Umarmungen, keine großen Worte. Man kannte einander gut genug, um zu wissen, dass zu viel Festhalten das Losgehen nur schwerer machte.
Auf dem Hauptsteg, dort, wo der Weg aus dem Wald heraus ins Dorf kam, wartete Llyrglas. Er trug nichts Besonderes, nur seine übliche Schärpe, doch an diesem Morgen wirkte er, als sei er gleichzeitig älter und fester geworden. Hinter ihm, wenige Schritte entfernt, standen die vier Hynafiaid, deren Wurzeln das Dorf hielten. Ihre Kronen ragten über die Dächer hinaus, und wer genau hinsah, konnte erkennen, dass in ihren Blättern ein feines, kaum sichtbares Zittern lag.
Arweinydd näherte sich vom Rand des Dorfes her. Sein Fell war noch vom Vortag staubig, aber seine Bewegungen waren ruhig. Heute war kein Cryf an seiner Seite, er war allein gekommen. „Du reitest nicht?“ fragte Melyn-dŵr, eher neugierig als vorwurfsvoll. „Nicht heute“, antwortete Arweinydd. „Heute soll es nicht aussehen, als würdet ihr hinter Krallen herlaufen.“
Das leuchtete ein. Der Weg, den sie gehen würden, war gefährlich genug; man musste ihn nicht wie einen Marsch aussehen lassen.
Llyr-glas hob die Hand. Die Gespräche verstummten, ohne dass jemand den Stein anschlagen musste. „Ihr wisst, warum wir hier sind“, begann er. „Wir haben gestern im Hain gesprochen. Die Hynafiaid haben gehört. Ihr habt gehört. Heute gehen einige von uns los.“ Er wandte sich den Siedlern zu. „Coedgarw. Tonnwyn. Melyn-dŵr. Und ihr anderen“, sagte er, ohne alle Namen laut zu machen – sie brauchte hier niemand, um sich zu beweisen. „Ihr geht nicht, weil euch jemand schickt. Ihr geht, weil ihr verstanden habt, was dort sein kann – und trotzdem gehen wollt.“ Coedgarw senkte den Kopf ein Stück. Tonnwyns Ohren zuckten, aber er hielt den Blick. „Ihr hoffen zu leben“, fuhr Llyr-glas fort. „Das ist gut. Wer nur sterben will, ist für niemanden ein Gewinn. Aber ihr wisst auch, dass ihr fallen könnt.“
Er legte sich die Hand flach auf die eigene Brust, dann auf die Rinde des nächststehenden Hynafiaid. „Die Hynafiaid wissen es auch“, sagte er leise. „Ihr tragt den Samen der Erkenntnis. Wenn ihr jenseits unserer Stege sterbt, wird euer Tod kein bloßes Verschwinden sein. Er wird eine Wurzel sein.“
Ein leises Unbehagen lief durch die Reihen der Zurückbleibenden. Nicht, weil der Gedanke neu war – jeder Cwtsh wusste um den Kreislauf – sondern weil er selten so nüchtern ausgesprochen wurde. „Das macht es nicht leichter, euch gehen zu sehen“, fügte Eirianris hinzu, die nun neben Llyrglas trat. „Aber es macht es schwerer, feige zu bleiben.“
Ein paar trockene Atemzüge, die fast wie Lachen klangen.
Llyrglas trat zu Coedgarw und legte ihm eine Hand auf die Schulter, dann an den Brustkorb. Einen Herzschlag lang schloss er die Augen, als lausche er nach innen. „Fest“, murmelte er. „Du weißt, worauf du dich einlässt.“ Bei Tonnwyn tat er dasselbe. „Wach“, sagte er hier. „Gut.“ Bei Melyndŵr: „Bereit. Auch, wenn du so tust, als wärst du es nicht.“ Melyndŵr verzog kurz das Gesicht, halb ertappt, halb erleichtert.
Zum Schluss legte Llyr-glas beide Hände an zwei Hynafiaid-Stämme, neigte den Kopf und sprach so leise, dass nur die direkt neben ihm etwas hörten: „Merkt euch ihre Schritte.“ Die Rinde blieb äußerlich unverändert, doch die Luft um die Wurzeln schien einen Tick dichter zu werden. Wer nah stand, spürte dieses bestimmte Ziehen im Inneren, als hätte jemand einen Faden aufgenommen, der weit über das Dorf hinaus reichte.
„Arweinydd“, sagte Llyrglas und trat zurück, „du kennst den Weg. Du führst sie bis an den Rand unseres Blicks. Weiter gehen sie selbst.“ Arweinydd nickte. „Ich zeige euch, wo wir die Vila zuerst sahen“, sagte er an die Siedler gewandt. „Und wo ich, wäre ich an ihrer Stelle, warten würde.“ „Beruhigend“, murmelte Coedgarw trocken. Aber als sich die kleine Gruppe in Bewegung setzte, war sein Schritt ruhig.
Sie verließen das Dorf nicht in enger Marschordnung, sondern in einer lockeren Reihe, wie man es auch auf einer längeren Sammeltour tun würde. Bündel auf den Schultern, Stöcke in den Händen, Blick nicht auf den Boden geheftet, sondern in die Richtung, in die sie gehen mussten.
Die übrigen Cwtsh blieben auf den Stegen zurück. Einige winkten nicht – nicht aus Kälte, sondern weil sie das Gefühl hatten, jede überflüssige Geste könne den Weg schwerer machen. Stattdessen riefen sie kurze Sätze, die mehr Erinnerung als Erwartung waren.
„Vergiss nicht, wie der See riecht, wenn es regnet, Melyn-dŵr!“ „Coedgarw, wenn du dort ein Dach baust, bau es so, dass man unser Wasser darin hört!“ „Tonnwyn, lauf nicht schneller, als deine Gedanken hinterherkommen!“ Tonnwyn hob eine Hand, ohne sich umzudrehen, mehr ein Zeichen, dass er es gehört hatte, als ein Abschiedswinken.
Der Pfad führte sie zunächst durch das vertraute Unterholz, an Büschen vorbei, die jeder hier kannte. Arweinydd lief vorn, seine Schritte sicher, aber nicht hastig. Zweimal blieb er stehen und zeigte auf unscheinbare Stellen: eine Kuhle im Boden, von der man weit sehen konnte; einen Felsen, hinter dem man sich gut verbergen konnte. „Wenn sie euch beobachten“, sagte er, „dann von solchen Orten. Tut so, als würdet ihr sie nicht bemerken. Aber merkt euch, wo sie sind.“ Die Siedler nickten. Sie waren keine Soldaten, aber dumm waren sie auch nicht.
Als sie einen kleinen Grat erreichten, von dem aus man zum letzten Mal den See sehen konnte, blieb die Gruppe stehen. Cysgod y Dŵr lag dahinter, kleiner, als es sich anfühlte, wenn man mittendrin war. Der spiegelnde Fleck des Wassers, ein Hauch von Rauch, mehr nicht.
„Hier“, sagte Arweinydd. „Ab da kann euch das Dorf nicht mehr sehen. Und die Hynafiaid sehen euch nur noch durch das, was ihr tut.“ Melyndŵr starrte einen Moment in die Ferne. „Wenn ich mich umdrehe und zurückgehe“, meinte er ruhig, „ist der Samen dann weg?“ Llyrglas’ Stimme war nicht da, aber man konnte ihn fast hören: Erkenntnis verschwindet nicht dadurch, dass du sie verleugnest. „Nein“, antwortete Coedgarw stellvertretend. „Sie bleibt. Aber dann wurzelt du hier. Nicht dort.“ Melyndŵr verzog die Schnauze und atmete durch. „Na dann“, sagte er und setzte den Fuß über die gedachte Linie.
Sie gingen weiter. Als die Biegung des Pfades den Blick auf den See endgültig verschluckte, wurde es nicht wirklich dunkler, aber etwas anderes veränderte sich. Die Luft fühlte sich weiter an. Offener. Und zugleich enger in der Brust. Arweinydd blieb nach ein paar weiteren hundert Schritten stehen. „Hier trenne ich mich von euch“, sagte er. „Wenn ich mit euch weitergehe, sehen sie euch als meinen Trupp. Aber ihr seid eine Siedlung. Das ist ein Unterschied.“ Tonnwyn nickte. „Du kommst zurück nach Cysgod y Dŵr?“
„Für jetzt“, sagte Arweinydd. „Ich will hören, was ihr später berichtet – oder was die Hynafiaid zu berichten haben, falls ihr selbst nichts mehr sagen könnt.“ Es war kein zynischer Satz. Nur ehrlich. „Noch ein Rat?“ fragte Eirianris, der die Gruppe ein Stück begleitet hatte und hier stehen blieb. Arweinydd dachte kurz nach. „Ja“, sagte er dann. „Wenn ihr die Vila wieder seht und sie lächeln – glaubt ihnen, dass sie höflich sein können. Aber verwechselt Höflichkeit nicht mit Harmlosigkeit.“ Coedgarw grunzte zustimmend. „Das gilt für mehr als nur Vila“, meinte er.
Arweinydd wandte sich zum Gehen. Nach ein paar Schritten blickte er noch einmal zurück. „Wenn ihr fällt“, sagte er, „wird es wehtun. Macht, dass es sich lohnt.“ Das war keine Heldensprache. Es war einfach Cwtsh-Logik. Dann war er weg, zurück in Richtung See. Die Siedler standen einen Moment allein auf dem Pfad, zwischen Heimat und unbekanntem Land.
„Also“, sagte Tonnwyn schließlich. „Wir wollten Geschichten. Fangen wir an, eine zu schreiben.“ Coedgarw zog sein Bündel zurecht. Melyn-dŵr atmete noch einmal tief durch, als wolle er den letzten Rest Luft aus Cysgod y Dŵr in sich speichern. Dann gingen sie los – nicht als Armee, nicht als Bittsteller, sondern als kleine, entschlossene Wurzelspitze, die sich in den Boden am Rand der Vila schob.Hinter ihnen, weit zurück im Hain, rauschten die Blätter der Hynafiaid.
Am Anfang rechneten sie noch mit Wochen, nicht mit Wunden. Llyrglas hatte es gleich gesagt: „Zwei Wochen hin, wenn sie nicht trödeln. Dann müssen sie einen Platz finden, Wasser suchen, ersten Schutz bauen. Erwartet frühestens nach einem Mond ein Zeichen, nicht früher.“ Also rechnete Cysgod y Dŵr in Wochenbündeln.
In der ersten Woche nach dem Aufbruch war der See wie immer. Die Stege wurden ausgebessert, Dachränder geflickt, Vorräte sortiert. Wenn jemand den Blick etwas zu lange in die Richtung wandern ließ, in der der Pfad der Siedler verschwunden war, sagte niemand etwas. Es gibt Gesten, die man nicht kommentiert.
In der zweiten Woche begannen die Jüngeren, kleine Wetten abzuschließen. „Melyndŵr schickt als erstes eine Geschichte“, meinte Heulwen-fan beim Sortieren von Körben. „Er hält es keine vierzehn Tage ohne reden aus.“ „Nein, Coedgarw“, hielt Gwydr-lawn dagegen. „Der wird als erster irgendeinen Balken so schief hinlegen, dass er selbst wiederkommen muss, um sich zu rechtfertigen.“ Sie lachten. Nicht, weil es besonders witzig war, sondern weil Lachen leichter ist als Warten.
Am Ende der vierten Woche war das Lachen leiser. „Sie haben zu tun“, beschwichtigte Eirianris, als sie sah, wie Heulwenfan den Blick zum Hain der Hynafiaid schweifen ließ. „Wer ein neues Nest baut, schreibt nicht jeden Tag Briefe.“ „Ich frage ja gar nicht laut“, murmelte Heulwenfan. Aber die Bäche plätscherten jetzt anders in ihren Ohren. Zwischen den gewohnten Geräuschen war plötzlich Raum für ein leises „Was, wenn…?“.
Die Hynafiaid der Cymuned standen wie immer. Ihre Stämme waren nicht krummer, ihre Blätter nicht dunkler. Und doch spürte Llyrglas, wenn er ihre Rinde berührte, etwas, das sich schwer benennen ließ: eine Spannung im Geflecht, die nicht von Cysgod y Dŵr ausging, sondern von irgendwo weit dahinter. „Sie sind unruhig“, sagte er auf Nachfrage einmal. „Nicht hier. Weiter draußen. Als würde irgendwo etwas wachsen oder reißen – ich kann es nicht sagen.“ „Vielleicht sind es unsere Siedler“, meinte Eirianris. „Vielleicht schlagen sie Wurzeln, im guten Sinn.“ „Vielleicht“, sagte er. Aber seine Stirn legte sich in Falten, wenn er glaubte, dass niemand hinsah.
Nach zwei Monden ohne Zeichen wurde aus Fragen eine Pflicht. „Wir können nicht einfach warten, bis uns irgendwer zufällig erzählt, dass er über unsere Leute gestolpert ist“, meinte Gwydrlawn, als sie sich am See trafen. „Das ist unser Land. Unsere Siedler. Unser Fehler, wenn wir nichts tun.“ „Wir schicken keine große Gruppe“, sagte Llyrglas. „Wir reißen nicht noch mehr aus dem Dorf. Zwei reichen. Die, die lesen können, was der Boden sagt.“ Die Wahl fiel fast von selbst. Cysgodun – schmal, schnell, mit einem Blick, der Spuren sah, wo andere nur Matsch erkannten. Und Maentrwm, der sich selten beeilte, aber jeden Schritt erinnerte, den er getan hatte. Sie hatten schon oft Fährten gesucht, durch Wälder, über Geröll, entlang von Bachläufen. „Bringt uns keine Helden zurück“, sagte Eirianris, als sie ihre Bündel aufnahmen. „Bringt uns Wahrheit.“
Sie nickten und gingen. Der Pfad war derselbe, den die Siedler genommen hatten, und doch fühlte er sich anders an, jetzt, wo man wusste, was am Ende liegen könnte – oder nicht mehr lag.
Die Reise dauerte, wie erwartet, fast zwei Wochen. Sie gingen zügig, aber nicht blind. Cysgodun markierte unauffällige Zeichen an Bäumen und Steinen, Maentrwm prägte sich Landschaft und Abstände ein, als müsse er sie später noch einmal in Worte fassen. Dort, wo Arweinydd einst gewarnt hatte: „Hier würde ich warten, wenn ich jemandem auflauern wollte“, blieben sie länger stehen. Sie fanden keine frischen Spuren, nur alte Abdrücke, vom Regen ausgewaschen. Doch die Vorstellung, dass hier einst jemand im Schatten gelegen haben könnte, machte die Luft schwer.
Als sie den Rand der vorgesehenen Siedlungszone erreichten, war es ein grauer Tag. Kein dramatischer Himmel, kein Sturm, nur ein normaler, müder Himmel, unter dem alles deutlicher wirkte. „Hier“, sagte Maentrwm irgendwann und zeigte auf den Boden. „Das sind Coedgarws Abdrücke. Schau, wie er den linken Fuß etwas schräg setzt. Das hat er immer getan, wenn er müde wurde.“ Cysgodun kniete sich hin. Ja. Da war eine vertraute Schiefe in den flachen Tritten. Hier hatten sie gelegen. Hier hatten sie gearbeitet. Hier hatten sie gelebt.
Und dann war etwas anderes darübergelaufen. Sie fanden die Reste von Feuerstellen, halb verwaschene Kreise aus Stein, in denen noch etwas Asche klebte. Die Umrisse von Schlafplätzen, einfache Vertiefungen, in denen Grassoden weicher gedrückt waren. Ein angefangener Rahmen aus Holzpfosten, zwei davon umgerissen. „Sie haben angefangen“, murmelte Cysgod-un. „Das hier war kein Lager für eine Nacht. Das war der Beginn von ‚Wir bleiben‘.“
Zwischen diesen vertrauten Zeichen lag etwas, das nicht hierher gehörte. Tiefere Abdrücke im Boden, regelmäßig, schwer. Keinerlei Schlurfspur, wie man sie bei müden Reisenden sah. Eher wie der Tritt von jemandem, der gewohnt war, in Formation zu gehen. In einigen Vertiefungen hatte sich Wasser gesammelt; als Maen-trwm vorsichtig eine Hand hineintauchte und den Finger über den Untergrund rieb, fühlte er etwas Glattes, Hartes – ein Stück Metall? – das so tief eingelassen war, dass man es ohne Werkzeug kaum herausbekam. „Das sind nicht unsere“, sagte er, was ohnehin offensichtlich war.
Zwischen den Spuren fanden sie dunklere Flecken auf Steinen und an einem umgestürzten Pfosten. Nicht viel – die Zeit hatte ihr Werk getan –, aber genug, dass Cysgod-un nicht lange überlegen musste. „Blut“, sagte er knapp. Und weil er Cwtsh war, fügte er nicht hinzu, dass er hoffte, es sei wenigstens das von jemandem, der Wurzeln schlagen konnte. Von den Siedlern selbst gab es keine Spur. Keine Körper, keine improvisierten Gräber, keine hastig errichteten Hügel. Nur Schleifspuren, als hätte man Lasten weggezogen. Zu breit und zu unregelmäßig für Holz, zu schwer für bloße Gepäckbündel.
„Sie haben etwas mitgenommen“, sagte Maen-trwm. „Viel.“ Cysgod-un entdeckte schließlich ein Stück Stoff, das sich in einer Wurzel verfangen hatte. Er löste es vorsichtig. Die Kanten waren unregelmäßig, teils verbrannt, teils zerrissen. Das Muster war einfach, aber eine bestimmte Linie war zu fest gezogen. „Melyndŵr“, sagte er leise. Maen-trwm nickte, ohne näher hinsehen zu müssen. Jeder im Dorf hatte die Schärpe schon an ihm gesehen, etwas schief gewunden, wie alles an Melyn-dŵr ein bisschen zu locker oder zu fest war.
Sie suchten länger, als ihre Vorräte es eigentlich erlaubten. In immer größer werdenden Kreisen, in Senken, an Bachläufen, in jeder Kuhle, die wie eine Deckung aussah. Sie fanden Spurfragmente, die auf fluchtartige Bewegungen hindeuteten, dann wieder nichts. Kein klarer Weg weg vom Ort, sondern abgerissene Ansätze, als hätte jemand versucht zu rennen und sei nicht weit gekommen.
Am Ende standen sie wieder bei der halb eingerissenen Holzstruktur. „Wir können nichts mehr für sie tun“, sagte Maentrwm, sachlich, als müsse er die Worte erst einmal aussprechen, um sie selbst zu hören. Cysgodun nickte, doch seine Hände ballten sich. „Doch“, sagte er. „Wir können dafür sorgen, dass niemand später behaupten kann, hier sei ‚nichts Besonderes‘ passiert.“ Er nahm den Stofffetzen, prägte sich die Stellen der Abdrücke noch einmal ein, dann traten sie den Rückweg an.

Als sie nach weiteren zwei Wochen in Cysgod y Dŵr eintrafen, waren ihre Gesichter schmaler, ihre Augen tiefer. Sie baten nicht um Schlaf, sondern um den Stein. Der Ton hallte über den See, versammelte das Dorf. Diesmal war auch der Hain der Hynafiaid im Blickfeld – niemand wollte, dass sie „nur nebenbei“ hörten, was gesprochen wurde. Cysgodun berichtete, wie er es versprochen hatte: knapp, ohne Ausschmückung, aber mit genug Details, dass niemand sagen konnte, er habe „nur vermutet“. „Sie haben begonnen zu bauen“, sagte er. „Sie hatten sich eingerichtet. Dann kamen andere. Schwerere. Nicht wir. Danach gab es Blut. Danach gab es Schleifspuren. Aber keine Körper.“ Er zeigte das Stoffstück. Heulwenfan berührte es nur mit den Fingerspitzen, als hätte es plötzlich Gewicht bekommen.
„Die Abdrücke“, ergänzte Maentrwm, „waren in Reihung. Kein Wirrwarr. So tritt jemand, der gewohnt ist, zu marschieren.“ „Vila“, sagte Gwydr-lawn dumpf. Niemand widersprach. Llyrglas hatte währenddessen die Hand an einen der Hynafiaid gelegt. Er sprach nicht, lauschte nur. Es sah aus wie eine Geste, die er schon tausendmal gemacht hatte, aber diesmal blieb seine Hand länger als sonst.
„In jener Nacht, in der ihr dort wart“, sagte er leise, mehr zu sich als zum Dorf, „hat es im Chor… gezuckt.“ Ein paar Cwtsh schauten auf. „Ein neues Grün irgendwo weit weg“, suchte er nach einem Bild. „Als hätte jemand in fremder Erde etwas gesetzt. Kein klarer Traum, kein klares Bild. Nur… ein neuer Ton in der Stimme.“ Er erklärte nicht mehr. Er musste nicht. Jeder in Cysgod y Dŵr wusste, was es bedeutete, wenn an einem Ort, an dem vorher nur Fremdland gewesen war, plötzlich etwas im Geflecht der Hynafiaid „neu“ klang. Es hieß nicht, dass alle gefallen waren. Aber es hieß ziemlich sicher, dass mindestens eine der vertrauten Stimmen nicht mehr auf Pfoten über Erde ging.

Eine Weile sprach niemand. „Vielleicht“, begann jemand zaghaft, „sind einige geflohen. Vielleicht—“ „Vielleicht“, unterbrach Eirianris sanft. „Und wir werden nie aufhören, auf ein unerwartetes Klopfen am Steg zu hoffen. Aber…“ Sie sah auf den Stofffetzen, auf die Hände von Cysgodun und Maentrwm, auf Llyrglas’ starre Finger an der Rinde. „…aber wir werden auch nicht so tun, als könnte man das, was ihr gesehen habt, mit einem ‚Missverständnis‘ erklären.“ Sie spuckte das letzte Wort fast aus. „Sie sprachen von Frieden“, sagte Gwydr-lawn. „Von Grenzen. Davon, dass es keinen Grund geben würde, wenn wir uns an die Linie halten.“
Llyr-glas nickte langsam. „Unsere Siedler waren auf unserer Seite der Linie“, sagte er. „Sie trugen keine Banner. Sie kamen nicht mit Cryf, sondern mit Werkzeugen. Und jetzt ist ihr Lager leer, und fremde Spuren stehen dort, wo ihre stehen sollten.“ Er hob die Hand, als könnte er das Gesagte damit in die Luft schreiben. „Vielleicht gibt es irgendwo eine Vila-Geschichte darüber, warum das ‚notwendig‘ war“, fügte er hinzu. „Vielleicht reden sie von ‚Prävention‘, von ‚Sicherheit‘, von ‚Ordnung‘.“
Er sah zum See. Sein Fell war im Abendlicht dunkler geworden. „Hier in Cysgod y Dŵr“, sagte er ruhig, „wird es immer so heißen: Sie haben von Frieden gesprochen. Und dann haben sie zuerst dort zugeschlagen, wo wir ihnen am meisten vertraut haben.“ Er hatte es nicht laut gesagt, aber jeder hörte den unausgesprochenen Zusatz: Und zumindest einer von uns steht jetzt als Baum auf fremdem Boden und muss jeden Tag auf ihre Häuser schauen.
Die Cwtsh gingen an diesem Abend schweigend auseinander. Niemand forderte Rache. Niemand rief zu Krieg auf. Sie waren nicht so. Aber in den Gesprächen der nächsten Tage änderte sich ein Wort. Nicht mehr: „Die Vila wollen Frieden.“ Sondern: „Die Vila sagen, sie wollen Frieden.“ Und bei denen, die zuhörten, blieb ab jetzt

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