Der Orden der Pfauenprister

Wie jedes Wesen weiß, verehren die Gnomen der Freien Republik Apus kein Tierwesen mehr als den Pfau. Außer vielleicht den Mauersegler oder das Gnomenalpaka. Da sind die Geschmäcker verschieden. Jedenfalls hat sich um kein Geschöpf ein solch aufwendiger und einflussreicher Kult gebildet wie um den Pfau – der Orden der Pfauenpriester. Natürlich beharren die Anhänger der Allium-Allianz seit jeher auf etwas anderes, doch dies ist wiederum eine andere Geschichte.

Vernehmt nun von den Umständen, die der Amtseinführung der Ersten Senatorin nachfolgten:

Sichtlich erschöpft sank der Hohepriester des Pfauenorden vor der Ersten Senatorin Micca Velona Hillico auf die Knie. Sein Atem ging stoßweise, der Kopf hing ihm herunter und Schweiß perlte auf seinem Körper und troff auf die ockerfarbenen Terracotta-Fliesen. Dampf stieg von seiner erhitzten Haut auf, denn draußen war es noch kühl, so kurz vor dem Sonnenaufgang.

Während der Neumondnacht des Roten Mondes hatten die Priester und Priesterinnen des Pfaues sich in ihre „Heiligste Halle“ zurückgezogen, hatten den rituell gebrauten Sud aus dem Pfauenfleisch-Pilz mit geheimen Kräutern eingenommen, Harze und Rauchhölzer verbrannt und sodann ihre wilden rituellen Tänze begonnen.
Die ganze Nacht lang tönten Trommel, Gongs und gutturale Gesänge aus dem Tempelbezirk durch die Stadt Apus. Während deren Priester und Priesterinnen entrückt von allem Irdischen feierten, fanden ihre Bewohner in dieser Nacht zumeist keinen Schlaf, lauschten stattdessen andächtig in die Dunkelheit, um ein wenig an diesem Treiben teilzuhaben.

Wilde Orgien würden dort gefeiert, munkelte man, unaussprechliche Dinge würden dort im Zwielicht unter den Augen des Großen Pfaues geschehen. Wer nicht dazugehörte, wusste nichts Genaues über die Sitten und Riten der Pfauenpriester. Schaudern und Neid mischten sich bei der Vorstellung über das, was dort hinter verschlossenen Türen passieren könnte. Körperliche Dinge zumeist oder merkwürdige, wie das Verbrennen von Schweifhaaren der Ölbaumtiger oder das beständige redundante Imitieren des Pfauenrufes, so wurde es erzählt.

Während dieser Nacht tanzten, sangen und feierten sich die Priester und Priesterinnen mit Bewegungen, bei denen Sie den großen Kranz aus Pfauenfedern, den sie sich auf den Rücken geschnallt hatten, rüttelnd und ruckhaft vor und zurück schnellen ließen, in wilder Ektase. Oder man verharrte in stoischer Gleichgültigkeit endlos aus. Solange bis sich auch der Letzte mit Körper und Geist vollständig in einen Pfau verwandelt hatte. Denn nur in diesem reinen, animalischen Zustand war es dem Hohepriester möglich die richtige Auswahl aus den 12 Devotionalien vorzunehmen. Jeweils einen Gegenstand aus jeder der vier Schatullen, in der sich je drei der Gegenstände befanden, die nur für diesen Anlass aus einem sonst verschlossenen Schrein hervorgeholt wurden.

Der Hohepriester hatte die vier Gegenstände in einen Beutel aus Pfauenleder gesteckt, den er an einer Kordel um den Hals trug. Völlig erschöpft hob er müde die Arme, streifte sich die Kordel über den geschorenen Kopf und bot auf seinen geöffnete Handflächen Hillico das Säckchen dar.

Richtig gedeutet ergeben diese Votivgaben die Losung, den goldenen Pfad für die neue Regierungszeit.

Nur Hillico selbst war es gestattet die vier Gegenstände, diese vier Zeichen, zu deuten und daraus das Fundament und den Stil ihrer Regierungszeit abzuleiten.

Still und würdevoll nahm Hillico das Säckchen mit beiden Händen dem Hohepriester ab. Glücklich hob er sein schweißnasses Haupt der Ersten Senatorin entgegen. Ein Lächeln stahl sich in sein Gesicht, gerade als direkt hinter Hillico die aufgehende Sonne ihren ersten Glanz über die Balustrade sandte und das Haupt der Senatsführerin umkränzte.

Hillico nickte dem Priester zu und wandte sich dann langsam um, den Ledersack immer noch ehrfürchtig in beiden Händen haltend wie ein rohes Ei. Die Erste unter Gleichen begab sich zu dem Alabasterpodest an ihren Platz, um das sich bereits die sieben Senatoren und Senatorinnen der anderen acht großen Familien versammelt hatten und gespannt darauf warteten, dass Hillico das Säckchen öffnen würde, um die neue Dekade einzuleiten und das Schicksal der Freien Republik Apus aufs Neue zu bestimmen. Ein Platz blieb leer, nach dem unaussprechlichen Verrat der Familie, die die Republik jüngst stürzen und die Monarchie neu errichten wollte.

Die Gebeine der Zwergenrüstungen klapperten und klickten leise. Hinter den acht Würdenträgern standen die Stundenzähler und trugen getreu jeden Augenblick und jedes gesprochene Wort ihrer Herren und Meisterinnen in die kleinen Lehmtafelbücher ein, um ihre Geschichten später auf Pergament zu verewigen.
Hillico atmete noch einmal tief durch und entleerte dann den Inhalt des Säckchens auf den Tisch. Klappernd fielen vier Gegenstände auf den Tisch.

Stille.

Da lag es: Das neue Schicksal der Republik Apus:

Ein Stück Rinde des Zimtbaumes.

Ein Brocken Aschlingblut.

Ein Strang Alpakagarn.

Ein Vikunja aus Ton.

Vivat!

Freie Republik Apus!

Vivat!

Ali Gierig Detahn – Stundenschreiber der ehrwürdigen Micca Velona Hillico.

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