„Das ist doch der größte Schund, den ich je gesehen habe.“
Borin Eisenfaust hielt einen alten, staubigen Schädel in seinen kräftigen Händen. Der Knochen war vergilbt, hatte Risse und war mit seltsamen Runen bedeckt. Trotzdem funkelten Borins Augen.
„Ich sag’s dir, Elf. Das hier wird mein neuer Bierkrug! Ich bohr’ oben ein Loch rein, setz’ einen Henkel dran und fertig ist der edelste Trinkkrug, den die Welt je gesehen hat!“
„Du bist widerlich, Borin“, seufzte Aelor Schimmerblatt und schüttelte den Kopf. Der Elf stand mit verschränkten Armen neben ihm und betrachtete die schmuddeligen Waren des Flohmarkts von Trübenthal. „Und dumm noch dazu. Weißt du überhaupt, was für Runen darauf stehen?“
„Runen? Ach was, das ist einfach nur Zwergenkrickelkrackel.“
Plötzlich begann der Schädel zu leuchten, ein grüner Nebel stieg daraus auf und mit donnernder Stimme sprach er:
„Wer wagt es, mich zu berühren?!“
Borin ließ den Schädel fast fallen. Aelor zog überrascht eine Augenbraue hoch.
„Was… bei allen Bärten des Erzvaters…?“ murmelte Borin.
„Oh, großartig“, sagte Aelor. „Ein verfluchter Schädel. Jetzt hast du’s geschafft, Zwerg.“
Der Schädel drehte sich leicht in Borins Händen. „Ich bin kein einfacher Schädel, ihr einfältigen Narren! Ich bin König Theobald der Unsterbliche! Bringt mich zu meinem Grab, damit ich endlich Ruhe finde!“
Borin sah den Schädel an. Dann sah er Aelor an. Dann schüttelte er den Kopf. „Weißt du was, Elf? Der redet mir zu viel. Ich nehm’ ihn Der sprechende Schädel trotzdem als Bierkrug.“
Bevor Aelor protestieren konnte, ertönte plötzlich ein lauter Schrei. Zwei vermummte Gestalten rannten durch den Markt direkt auf Borin und Aelor zu.
„Gebt uns den Schädel!“ rief eine raue Stimme.
„Oder wir holen ihn uns!“ fauchte die andere.
Borin runzelte die Stirn. „Moment mal. Ihr wollt meinen Schädel klauen?“
„Er gehört mir!“ rief Theobald empört. „Oder vielmehr – mir gehörte der Körper, an den er gehörte!“
Aelor sprang elegant zur Seite, während Borin den Schädel in die Luft warf, ihn mit einer geschickten Drehung auffing und grimmig grinste. „Na schön, dann kämpft doch um ihn!“
Die zwei Gestalten zogen Dolche und stürzten sich auf die beiden.
Was folgte, war eine Prügelei, die für die Besucher des Flohmarkts eine unerwartete Abendunterhaltung wurde.
Borin wehrte Angriffe mit dem Schädel ab, während Aelor Pfeile aus kurzer Distanz auf die Füße der Angreifer schoss.
„Autsch!“ rief einer der Räuber, als ein Pfeil in seinen Stiefel traf.
„Hör auf, auf ihre Füße zu zielen!“ rief Borin.
„Du sollst sie besiegen, nicht massieren!“
„Verzeih, dass ich deinen gewohnten Kampfstil nicht teile, Borin – also brüllen, zuschlagen und hoffen, dass es reicht!“
Nach einem chaotischen Kampf lagen die Angreifer bewusstlos am Boden. Der Marktplatz tobte, Leute klatschten und Borin hielt triumphierend den Schädel hoch.
„So, König Schädel, du schuldest uns eine Erklärung!“
„Die beiden waren Grabräuber“, erklärte Theobald mit großspuriger Stimme. „Mein Körper wurde in einem verborgenen Grab bestattet, zusammen mit unermesslichen Reichtümern.“
Borin spitzte die Ohren. „Unermessliche Reichtümer?“
„Ah, da hast du ihn, Theobald“, seufzte Aelor. „Jetzt will er das Grab plündern.“
„Plündern? Pff! Ich will nur gucken! Und wenn da was Nützliches rumliegt… na ja… wäre ja eine Schande, es vergammeln zu lassen.“
„Ihr Narren!“ fuhr Theobald sie an. „Ich will nicht, dass mein Grab geplündert wird! Ich will, dass ihr es beschützt! Wenn diese Halunken es finden, nehmen sie alles mit – und ich werde niemals meine Ruhe finden!“
Borin grunzte. „Also, du willst, dass wir einen Haufen Gold beschützen und nicht einfach behalten? Das klingt nach einer schlechten Idee.“
„Es ist doch meins!“ jammerte Theobald.
Aelor seufzte tief. „Borin, hör auf, mit dem Schädel zu feilschen. Lass uns sein Grab finden, die Räuber abwehren und dann zusehen, dass wir weiterziehen. Sonst redet er ewig weiter.“
Borin überlegte kurz. „Hmm… also, wenn wir die Räuber besiegen, können wir dann zumindest mal einen Blick auf den Schatz werfen?“
„Nein!“ schrie Theobald.
„Pff. Blöder Schädel.“

Die Reise zum Grab war voller Gemecker (hauptsächlich von Borin), endloser Besserwisserei (hauptsächlich von Aelor) und königlicher Arroganz (ausschließlich von Theobald).
Als sie schließlich das verborgene Grab erreichten, warteten dort bereits weitere Räuber, die das Gold stehlen wollten.
„Tja“, murmelte Borin und griff nach seiner Axt. „Ich schätze, wir müssen ein paar Leuten den Kopf waschen.“
„Ich mag deinen Wortwitz nicht“, seufzte Aelor, zog aber seinen Bogen.
Nach einer weiteren wilden Prügelei gelang es ihnen, die Räuber zu vertreiben. Sie legten den Schädel in den Sarkophag zurück und Theobald seufzte erleichtert.
„Danke, edle Krieger. Ihr habt mir Frieden geschenkt.“
Ein helles Leuchten umhüllte den Schädel und er verschwand in einem magischen Nebel.
Borin schnaubte. „Na toll. Jetzt hab ich keinen neuen Bierkrug.“
Und mit einem Seufzen (von Aelor) und einem Brummen (von Borin) stapften die beiden aus dem Grab – in ihr nächstes, unvermeidbares Chaos.
So berichtet von dem Halbling Bolbi Bitterberg
Herumtreiber & Geschichtenerzähler