Es war der dritte Tag, an dem Borin Eisenfaust versuchte, in Silberhagen eine ordentliche Mahlzeit zu bekommen, ohne dass ihn jemand ansprach.
Es gelang ihm nicht.
„Ihr seid es doch, oder?“ raunte eine Frau mit einem Korb voller Rüben. „Die Helden von Grummelbach! Die Retter von Düsterhain!“
„Nein“, sagte Borin.
„Doch!“, rief sie und lief davon.
Fünf Minuten später stand eine Menschenmenge auf dem Marktplatz.
Aelor Schimmerblatt lehnte an einem Brunnen und beobachtete das Spektakel mit der Miene eines Mannes, der schon weiß, wie der Abend endet. „Du hättest einfach ja sagen sollen.“
„Ich habe nein gesagt!“
„Und jetzt haben wir dreißig Menschen, die dir applaudieren.“
Borin sah sich um. Tatsächlich applaudierten sie.
„Das ist doch nicht normal“, murmelte er.
Der Bürgermeister — ein kleiner, rundlicher Mann mit einem Hut, der für seinen Kopf eindeutig zu groß war — drängte sich nach vorne und drückte Borin beide Hände. „Was für eine Ehre! Die berühmten Abenteurer Borin Eisenfaust und Aelor Schimmerblatt! Wir haben so lange auf euch gewartet!“
„Wir sind nicht—“
„Und gerade rechtzeitig!“ Der Bürgermeister zog sie energisch in Richtung Rathaus. „Morgen ist die Einweihung eurer Statue!“
Borin blieb abrupt stehen. „Unserer was?“
Auf dem Rathausplatz stand, verhüllt unter einem roten Tuch, eine mannshohe Statue. Zwei Gestalten, in Stein gemeißelt. Der eine breit, wuchtig, mit einer Axt über der Schulter. Der andere schlank, mit erhobenem Bogen und einem Ausdruck, der Würde suggerieren sollte.
Aelor betrachtete die steinerne Version seiner selbst lange und schweigend.
„Die Nase ist falsch“, sagte er schließlich.
„Ich finde, ich sehe ganz gut aus“, sagte Borin.
„Du hast Augenbrauen wie zwei schlafende Raupen.“
„Das bin ich! Exakt so bin ich!“
Der Bürgermeister schüttelte begeistert die Hände beider. „Ihr habt vor zwei Jahren den Drachenwurm von Kaltbach vertrieben! Die ganze Region spricht davon!“
Borin und Aelor wechselten einen kurzen Blick.
„Den… Drachenwurm“, sagte Aelor.
„Von Kaltbach“, ergänzte Borin.
„Genau den“, sagte Borin noch einmal, diesmal etwas weniger sicher.
„Wir waren das nicht“, sagte Aelor leise, aber bestimmt.
„Natürlich war ihr das!“ Der Bürgermeister lachte, als hätte Aelor einen besonders guten Witz gemacht. „Bescheidenheit steht echten Helden! Kommt, das Festbankett beginnt in einer Stunde!“
Er verschwand im Rathaus.
„Wir müssen ihm die Wahrheit sagen“, sagte Aelor.
„Nach dem Bankett“, sagte Borin.
„Borin.“
„Es gibt Braten.“
Aelor schloss kurz die Augen. „Nach dem Bankett.“
Das Bankett war üppig. Borin aß, als würde er für den Winter vorsorgen. Aelor saß aufrecht, lächelte höflich und wartete auf eine Gelegenheit, die nicht kam, weil ständig jemand aufstand und eine Rede hielt. Über Mut. Über Ehre. Über den Drachenwurm von Kaltbach, der angeblich noch heute Menschen in Angst und Schrecken versetzt hätte, wäre er nicht von diesen beiden unerschrockenen Seelen bezwungen worden.
„Das klingt fast nach einem echten Abenteuer“, murmelte Borin und wischte sich den Mund ab.
„Jemand hat das wirklich getan“, flüsterte Aelor. „Nur eben nicht wir. Irgendwo gibt es zwei Menschen, die das hier verdienen.“
„Schade für die.“
„Du bist wirklich unverbesserlich.“
Nach dem dritten Dessert stand Aelor auf, räusperte sich und sagte mit ruhiger, klarer Stimme: „Verehrte Bürger von Silberhagen. Ich muss euch etwas gestehen. Wir sind—“
„Die größten Helden, die je durch unser Dorf gereist sind!“, rief jemand.
Applaus.
Aelor setzte sich wieder hin.
„Ich habe es versucht“, sagte er.
„Ich weiß“, sagte Borin und schob ihm ein Stück Käsekuchen rüber.

Am nächsten Morgen, kurz vor der Enthüllung der Statue, erschienen zwei staubige, erschöpfte Gestalten am Stadttor. Ein breiter Mensch mit einer vernarbten Schulter und ein hochgewachsener Elf mit einem verbogenen Bogen auf dem Rücken.
„Wir haben gehört, hier soll eine Statue von uns enthüllt werden“, sagte der Mensch müde. „Wir sind Borin Eisenfaust und Aelor Schimmerblatt.“
Stille.
Dann wandten sich alle langsam zu den zwei anderen Borins und Aelors um, die gerade aus dem Gasthaus traten.
Vier Augenpaare. Vier verblüffte Gesichter.
Der Bürgermeister sah von einem Paar zum anderen. Dann zum anderen. Dann wieder zurück.
„Oh“, sagte er.
„Oh“, sagte der echte Borin.
„Interessant“, sagte der falsche Aelor — also der echte Aelor — also… Aelor Schimmerblatt, der hier seit zwei Tagen fälschlicherweise bewirtet worden war.
Der echte Borin betrachtete seine steinerne Statue. Dann betrachtete er den anderen Borin.
„Du siehst gar nicht aus wie ich.“
„Du auch nicht wie ich.“
„Wessen Augenbrauen sind das dann?“
Niemand antwortete.
Am Ende enthüllten sie die Statue trotzdem — für die echten Helden, die das auch wirklich verdient hatten. Der Bürgermeister überreichte ihnen den Schlüssel zur Stadt, hielt eine weitere Rede und versuchte, die letzten zwei Tage möglichst schnell zu vergessen.
Borin und Aelor — die falschen — wurden höflich, aber bestimmt, aus dem Gasthaus herausgeleitet. Ihre Zimmer wurden gebraucht.
„Und jetzt?“, fragte Borin, während sie wieder auf der Landstraße standen.
„Jetzt“, sagte Aelor, „gehen wir. Und du erzählst niemandem davon.“
„Ich hab zwei Tage lang umsonst gegessen und eine Statue bekommen.“
„Du hast keine Statue bekommen.“
„Für einen Moment hatte ich eine Statue.“
Aelor seufzte. „Das ist das Traurigste, was ich je gehört habe.“
„Für einen Moment, Elf.“
Und während sie weiterzogen, drehte sich Borin noch einmal um und warf einen letzten Blick auf die Statue, die mit dem falschen Gesicht und den richtigen Augenbrauen in der Morgensonne stand.
Dann grinste er und verschwand hinter der nächsten Wegbiegung.
So berichtet von dem Halbling Bolbi Bitterberg
Herumtreiber & Geschichtenerzähler