Zu hastig war ich dem Thema des Buches der Zeit gefolgt – wie ein Schwert ohne Scheide. So erschien bereits die Kunde von Esham und dem Händlervolk in der letzten Ausgabe.
Doch die Astarim haben mehr als eine Geschichte. Da Esham nun manchem vertraut ist, will ich eine spätere Begebenheit erzählen – über eine seiner Weggefährtinnen. Die Geschichte von Lethira ist jedoch wesentlich länger, als die kurze Kunde über das Volk der Händler – daher habe ich mir hier erlaubt auf das Wesentliche zu kürzen.
gez. Eshiza Chronistin der Astarim
Die Kunde von Lethira und den sieben Wächtern
Man sagt, die Nacht nach dem Sturm der Runenmagier war so schwarz wie Tinte. Kein Mond stand am Himmel, keine Sterne leuchteten, und über allem lag das Wasser, schwarz und blutig wie geronnenes Schweigen. Das Tal Oneth von Esham und seinen Getreuen war gebrochen wie ein Knochen in schlechtem Fleisch. Lethira kam allein an Land. Das Wasser trug sie, aber sie wusste nicht, wo sie war. Der Wind roch salzig, und die Bäume sprachen eine Sprache, die sie nicht kannte.
Sie trug nur noch das, was ihr geblieben war: die Rüstung auf ihrem Leib, das Messer an ihrer Seite und das Lied in ihrer Kehle. Alles andere war mit dem Schiff versunken.
Zwei Tage ging sie ohne auf jemanden zu treffen. Ihre Stimme war heiser, nicht vor Furcht, sondern vom vergeblichen Rufen nach Daron, nach Aban, nach Esham.
Am dritten Tag sah sie Rauch – kein Herdfeuer, kein Dorf, sondern Plünderer. Die Art, die nach dem Krieg kommt wie Robben, wenn das Eis knackt. Drei Männer standen dort. Zwei Jungen lagen am Boden. Eine nacke Frau war, ihr Kleid von den Männern beiseite geworfen, kniete voller Furcht. Lethiras Stimme war noch rau, aber sie sang. Nur einen Ton, tief und klar wie Eisen auf Eisen, begleitet vom Blut, das ihrer geschundenen Kehle entströmte.
Einer hielt sich die Ohren zu, einer stürzte, der Dritte wich zurück. Das Messer war schnell. Zwei Schnitte – der Dritte floh. Lethira vermochte kein Wort mehr zu sprechen, und nahm eine Nacht im Heim der Mutter in Gastfreundschaft an.
Am Morgen sprachen die Jungen von einem alten Ort tief im Tal, von einem Pfad, den sie selbst nie betreten hatten noch je würden. Lockende Worte beschrieben einen Weg, der ihr den Heimweg zeigen könnte, und zu sieben Prüfungen von sieben Wächtern führen solle.
Entlang des Pfades, der sich durch dichtes Unterholz schlängelte fand Lethira die erste Prüfung. Es war ein alter Mann mit leerem Blick, der ihr entgegentrat, während Asche in kleinen Wirbeln um ihn fiel. Seine Stimme war dunkel, schmal und kaum zu hören:
Ich nähre mich von fremden Stoffen,
doch kann auch ohne sie besteh’n;
ich bin’s, auf das die Weisen hoffen,
und alle Weiten steh’n mir offen,
ihr würdet ohne mich vergeh’n.
Am hellen Tage herrsch ich gerne,
doch auch die Nacht ist mir vertraut;
ich wohne auf dem kleinsten Sterne,
mich schreckt sie nicht, die große Ferne
die mich mit Geisterhänden baut.
Ich wirke in den Himmelsblitzen,
versteckter Tat bin ich verhasst;
wo grübelnd die Gelehrten sitzen
und ratlos ob der Lösung schwitzen,
bin ich ein hochwillkommner Gast.
Lethira zögerte und sprach dann die Lösung. Die Wolken rissen auf, ein Fingerzeig der Sonne fiel auf den Mann herab, und der Mann war verschwunden.
Die zweite war eine junge Frau mit blutrotem Haar. Ihre Schritte machten keinen Laut, ihre Hände streichelten Luft, als ob sie Glas berührten. Sie bot Lethira einen Trank. „Er heilt, was gebrochen ist.“ Doch Lethira hörte das Zittern im Ton. „Und was nicht gebrochen ist?“, fragte sie. „Das wird unstet.“ Lethira nahm die Flasche doch trank nicht. Stattdessen pfiff sie ein leises Lied, das von alten Wunden handelte. Die Frau begann zu weinen – und ging.
Die dritte war eine Kriegerin mit goldener Rüstung. Sie verlangte keinen Kampf, sondern forderte ein Opfer. „Wenn du weitergehen willst, musst du geben, was dir am nächsten ist.“ Lethira zögerte, dann schnitt sie sich in die Hand – tief, über die alte Narbe, die Esham ihr im Tal des grünen Eises verbunden hatte. Blut tropfte in die Schale, die die Kriegerin reichte. Mit jedem Tropfen schwand die Erinnerung an den Moment in dem sich Esham ihr offenbart hatte.
Der vierte war ein krummer Greis, der Fragen stellte, ohne Antwort zu erwarten. Über jeden Schritt, jede Entscheidung, jedes Blut, das an ihren Händen klebte. Lethira hörte zu. Am Ende fragte sie: „Was hättest du getan?“ Der Greis schwieg und sie beachtete ihn nicht weiter.
Der fünfte Wächter war ein Hüne mit einem Hammer, der größer war als Lethira selbst. Seine Haut war grau von Staub und getrocknetem Blut, seine Augen wie verbranntes Holz. Er sprach kein Wort und stelle keine Frage. Nur der Hammer sprach – laut und tödlich. Sie sprang beiseite und der Boden riss auf, der Stein spritzte wie Wasser. Der zweite Hieb streifte ihre Schulter, riss Fleisch und Stoff auf und fegte nach ihr einen alten Baum wie eine Blume aus dem Weg. Der dritte Hieb kam von oben, sie rollte unter ihm hinweg. Ihre Finger zitterten, doch sie zwang sie zur Ruhe. Als der Hüne zum nächsten Hieb ausholte, wich sie nicht, sondern warf ihm den Trank vor die Füße. Sein Hammer zerschellte das Glas – und der Hammerkopf schmolz wie heißes Wachs. In seiner Verwirrung stieß Lethira ihm den Dolch ins Herz.
Die sechste war ein Mädchen mit blinder Maske. Sie reichte Lethira eine Schale aus schwarzem Holz. „Sprich deinen wahren Namen hinein“, forderte sie. Lethira zögerte. Dann flüsterte sie nicht ihren Namen, sondern die Melodie in ihrem Herzen. Die Schale zersprang.
Die siebte war ein Junge. Barfuß, ein Speer in der Hand. Er fragte: „Wenn ich dich töte, bin ich dann wie du?“ Lethira setzte sich. „Wenn du mich tötest, bist du siegreich, doch wie du mich tötest, sagt, wer du wirst.“ Der Junge senkte den Speer. „Dann geh.“ Sie stand auf und sagte: „Du bist stärker, als du denkst.“
Die nächste Biegung führt sie zum Ufer, wo sie ein Boot erwartete. Es war alt, und seine Haut war rissig und ohne Öl, doch es trug sie in den Rundstrom. Nach Hause.