Eine Geschichte über die Geschwister Gnom und Zwerg

Wie jedes Wesen weiß, sind Gnomen und Zwerge so unterschiedlich wie Tag und Nacht und gelten
nicht als die besten Freunde.

Sprichwörter sprechen Bände darüber:

„Wenn Gnom und Zwerg sich streiten, freut sich der Elf“, „Wer Streit sucht, muss einen
Gnom und einen Zwerg finden“, „Über Geschmack können nur Gnomen und Zwerge
streiten.“ oder „Ein Gnom, zwei Gnome, viele Gnomen aber keine Zwerge!“

Hört man aber auf die alten Geschichten, dann muss dies nicht immer so gewesen sein:

Vor langer, langer Zeit, also noch vor der Zeit der Helden-Gnomen, als alle Wesen noch allein im Licht
der Sterne wandelten, da lebten in einer weit, weit von hier entfernten Gegend zwei Geschwister. Der
Name des älteren lautete Zwerg, doch der jüngere hörte auf den Namen Gnom.

Zwerg war von kräftiger Gestalt und seine Ausdauer war schon damals legendär. Er konnte eine Kiepe
voller Steine den ganzen Tag umhertragen, ohne nur einmal klagen oder gar rasten zu müssen.
Niemand verstand, warum er die Steine umhertrug, aber alle hatten nur Respekt und Lob für Zwerg
übrig. Ein praktischer Geselle also, der allen Wesen als bodenständig galt, wenn ihm auch ein Hang zu
einer übermäßigen Sturheit nicht abzusprechen war. Alle Wesen waren froh, wenn Zwerg ihnen bei
der Verrichtung der schwersten Arbeiten zu Hand ging, die er immer schnell und zuverlässig erledigte.
Selbst vor den gefährlichsten Arbeiten schreckte Zwerg niemals zurück und am liebsten war es Zwerg,
wenn er mit Steinen oder Erzen zu tun hatte.

Gnom dagegen war stets frohgesinnt und verspielt. Er war so talentiert darin, lange auszuschlafen,
dass manch um manches Mal ein voller Mondlauf vergehen konnte, bis Gnom seine Lagersatt verließ,
nur um sein Schlafgewand zu wechseln, um sodann gleich einen vollen Mondlauf weiterzuschlafen.
Wenn Gnom wach war, brachte er alle Wesen mit seinen derben Späßen zum Lachen und steckte so
voller Frohsinn und Tatendrang, dass kein Unglück seine Laune und seine guten Hoffnungen trüben
konnte. Manche nannten Gnom frech, doch bös war ihm niemand lang. Mit den Fingern war Gnom
erstaunlich geschickt und konnte selbst aus einem Grashalm das schönste Geflecht knüpfen, auf dass
dem Betrachter vor Staunen die Augen übergingen. Wozu diese Sachen gut waren, verstand niemand,
aber man war voller Respekt, Lob und war stehts bereit, Gnom jeden Preis zu zahlen, den er dafür
verlangte.

Ein Zeitalter lang lebten und spielten die beiden Geschwister in holder Eintracht unter dem
Himmelsfluss, der ihnen Mutter und Vater zugleich war. Der Himmelsfluss freute sich an seinen
Kindern, doch auch Sorge füllte sein Herz, da die Geschwister so verschieden waren. Der
Himmelsfluss fürchtete, die Gegensätze in seinen Kindern müssten einst zu schrecklichem Streit
führen. Lange sann der Himmelsfluss darüber nach, was er tun könne, damit Gnom und Zwerg sich
nicht entzweien mögen.

Als er seine Überlegungen abgeschlossen hatte, versammelte er Gnom und Zwerg um sich und sprach:

„Liebe Kinder, nun wache ich bereits eine Ewigkeit über Euch. Doch nun kommt die Zeit, in der Ihr auf
Euch allein gestellt sein werdet. Doch werde ich Euch noch eine Aufgabe stellen, deren Erfüllung Ihr
mir versprechen müsst. Ihr beide seid so verschieden, wie nur Tag und Nacht einst verschieden sein
werden. Trotzdem seid Ihr Geschwister und steht Euch damit fast so nahe wie man sich nur selbst
nahe sein kann. Daher versprecht ihr mir jetzt, dass ihr immer aufeinander Acht geben werdet.

Zwerg, Du bist stark und unverwüstlich. Beschütze Gnom mit allem, was Du hast, für immer dar.

Gnom, Du bist froh und unerschütterlich. Beschirme Zwerg mit allem, was Du hast, für immer dar.“

Nachdem der Himmelsfluss seine Ansprache beendet hatte, nickten Gnom und Zwerg dem
Himmelsfluss zu, ohne auch nur zu zögern, Zwerg ganz ernst und Gnom ganz keck, jeder auf seine Art.

(Nebenbei: Kennt Ihr die Sprichwörter „Nicken wie ein Zwerg“ und „Nicken wie ein Gnom“?)

Zufrieden verließ der Himmelsfluss die beiden. Gnom und Zwerg standen nach dieser Rede für eine
lange, lange Zeit einander gegenüber, ganz stumm und schauten einander aufmerksam ins Gesicht.

Dann nickte Zwerg Gnom zu und sprach: „Pass auf Dich auf“, schulterte seine Kiepe, warf sich die
Gnomenalpakadecke über die Schultern, die ihm Gnom zum Geburtstag geknüpft hatte, wandte sich
um und marschierte los in Richtung der fernen, fernen eis- und schneebedeckten Berge, ohne sich
noch einmal umzuschauen.

Eine Weile stand Gnom noch da und schaute Zwerg nach. Dann zuckte er mit den Schultern, sprach:
„Pass auf Dich auf, Zwerg“, wandte sich zur anderen Seite um und brach auf zu den weit, weit
entfernten, sanften und sonnenbeschienen Hügeln.

Seit dieser Zeit, so erzählt man sich, tragen die Gnomen die Gebeine der Zwerge als Rüstung, auf dass
sie immer von ihnen beschützt sein mögen.

Ob sich die Zwerge noch immer von den Gnomenalpakadecken beschirmen lassen, davon weiß bisher
niemand zu berichten.

Doch eines ist gewiss: Ein echter, von einem echten Gnom, aus echter Gnomenalpakawolle
handgeknüpfter Stoff hat gar magische Eigenschaften und kann seinen Träger vor manch Unbill
bewahren.

Einem in solch eine Decke gehülltes Zwergenkleinkind wird keine Krankheit anhaften können, keine
Zwergin, die sich solch einen Umhang um die Schultern legt, braucht den Gesteinfall im Stollen zu
fürchten, noch wird einem Zwergenkrieger jemals bang, dem solch ein Banner in die Schlacht
vorangetragen wird.

So ist es seit alter Zeit, und noch etwas erzählen die Geschichten: Wann immer es der Zufall will, und
ein Zwerg und ein Gnom im gleichen Augenblick zum Himmelsfluss emporschauen, dann entsteht
irgendwo am weiten Firmament ein neuer Stern.

Daher sollte es kein Wesen leichthin abtun, wenn ein Gnom mit ihm darüber diskutieren will, ob
immer mehr oder immer weniger Sterne am Himmelszelt zu sehen sind, und ob der Himmelsfluss da
einst überschäumen oder völlig versiegen wird.

Neu erzählt von Canicgio vac Icobon – Senator und Chronist der Freien Republik Apus

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