Forschungsbericht der Rash’Nu-Wissenssucherin N’Zhal’Vareth
– Erste Aufzeichnung aus der Expedition zur Ruinenstadt Sha’Inarsur
Aus den feuchten, unterirdischen Tunneln von Aqual’Zirath, der Stadt der Erkenntnis und Wissenschaft, brach ich heute bei Ebbe auf. Der Ausgang, verborgen unter der Stadt, wird nur zugänglich, wenn das Meer sich für kurze Zeit zurückzieht – eine Gnade, die uns die drei Monde schenken, deren wechselhaftes Spiel regelmäßige Ebben ermöglicht. Der harte, salzverkrustete Schlick war rutschig, als ich mit meinem Forschungstrupp durch das labyrinthartige System glitt. Mein Herz war erfüllt von Aufregung, denn Berichte des Generals Shall’Morr sprachen von einer entdeckten Ruinenstadt auf einer abgelegenen Insel im Süden – einer Stadt, die in Aufbau, Struktur und Architektur zu alt ist, um nach dem Aschenebel entstanden zu sein… und doch zu vertraut, um nicht mit uns Rash’Nu verwandt zu sein.
Die Überfahrt verlief ruhig. In der Ferne ragte bald eine dunkle Silhouette aus dem Wasser – eine Insel, kranzartig umgeben von Riffen. Soldaten, zurückgelassen vom General zu unserem Schutz, erwarteten uns schweigend am Ufer. Gemeinsam begaben wir uns in das Innere der Insel, wo sich die Ruinenstadt offenbarte: geborstenes Kalk, verkrustete Gebäude, einstige Kanäle, nun leer und tot. Über allem erhob sich ein gewaltiger, abgestorbener Korallenbaum – so groß, dass selbst der Baum von Rash’Sul daneben klein erscheinen würde.
Ich spürte Ehrfurcht… aber auch Zweifel. Diese Ruinen – einst voller Leben – lagen nun verfallen und stumm da. Gärten aus Algen und lebendigen Korallen, von klaren Kanälen durchzogen, müssen sie einst geschmückt haben. Nun sind sie verschwunden, verschluckt vom Staub der Zeit. Kann selbst ein Volk wie das unsere, von Rash’Sul geführt, vergehen? Darf ein solcher Gedanke überhaupt gedacht werden? Es fühlte sich an wie ein Frevel – und doch lag die Antwort greifbar vor mir.
Meine Untersuchungen bestätigten das Undenkbare: Diese Stadt, Sha’Inarsur, ist das Werk von Wesen, die uns gleichen. Eine uralte Zivilisation der Rash’Nu – oder einer Vorform – die vor dem Aschenebel existierte. Vielleicht unsere Ahnen? Eine Entdeckung von gewaltiger Bedeutung!
In dieser Nacht lag ich im Lager unter einer durchscheinenden, pulsierenden Membran. Schlaf war uns Rash’Nu bisher fremd… und doch geschah es. Ich träumte. Nicht in Gedankenfetzen, sondern in Visionen:
Ich war riesig, über alles erhaben, eine Königin – nicht Rash’Sul, sondern etwas anderes, uralt. Ich sah ferne Länder, Dschungel, Wüstenreiche, Meere voller Städte, alles Teil eines gigantischen Reiches unter meinem Willen. Ich war das Zentrum. Allmächtig. Und dann spürte ich es – ein anderer Geist, der mich berührte. Nicht sanft. Besitzergreifend. Eine Königin,… die nach mir griff.
Dies war keine Erinnerung. Dies war ein Ruf.
Ich werde weiter forschen. Und tiefer graben. Sha’Inarsur hat uns nicht vergessen.
Und ich… beginne mich zu erinnern.