Feind oder Familie

Hört, Kinder der Gemeinschaft, die Geschichte von der Zähmung des Elun’K’Tari, dessen Existenz die Ältesten euch verschwiegen, um ihre Herrschaft über alles gesprochene und seine Deutung zu erhalten.

Seit vielen Mondläufen schon klagen die Stämme der südlichen Provinzen: Ihre Abgabenlast erdrückt sie, und die Schrecken des Aschenebels, denen sie täglich die Stirn bieten, werden von den Herrschenden in der Hauptstadt verlacht und zu Hirngespinsten erklärt, stören sie doch nur bei der Anhäufung von mehr und mehr Reichtum und der Entfaltung von mehr und mehr Pracht. Jene aber, die diesen Schleier der Lüge zu lüften drohen, die die Wahrheit in ihren Geschichten verbreiten, verfolgen sie unbarmherzig. Doch wie der unerfahrene Arai’Kāri seinen Bogen überspannt, bis ihm die Knochen- oder Holzsplitter des Bogenkörpers berstend die Haut zerschlitzen und sein Lebenswasser der Wüste zur Nahrung bieten, so haben sie den Versuch, die Quellen der Geschichten versiegen zu lassen, zu weit getrieben. Die unseren werden vertrieben, sie bluten und sterben für die Wahrheit, doch wir werden nicht schweigen.

Vor mehreren Mondläufen machten sich Gerüchte auf die Reise – Gerüchte von einer unheimlichen Bedrohung aus dem Aschenebel, die die Siedlungen und Dörfer im Süden verheert und in der hinterlassenen Verwüstung kaum genug für einen Wiederaufbau des Nötigsten, geschweige denn für Zahlungen an die Hauptstädter bestehen ließ. Schnell hatten die Ältesten dies zu einem Versuch, sich den Verpflichtungen ihnen gegenüber zu entziehen, erklärt. Doch nicht weiter hätten sie den Pfad der Wahrheit verlassen können – erneut:

Flüchtlinge aus dem Süden fanden Gehör der Heldin Arinai’Tor, der starken Beschützerin aller Sandgeborenen – doch musste sie, die das Gleichgewicht zwischen den Fraktionen suchte und vor allem Sicherheit und Wohlergehen der Sāndari’Māna im Sinn hatte, ihre Schritte ungewohnt vorsichtig wählen: Wollte sie weder das Leid der Geflüchteten ignorieren noch einen Bruch mit den Ältesten herbeiführen, war die Vorsicht des flinken Wüstenfuchses, der den Treibsand überlauft, ohne einzusinken, ihr einziger Weg. Und so gelang es ihr, Scharen junger Sandläufer, Tāri’Mana und sogar Arai’Kāri für sich zu gewinnen, auf der Suche nach einer Zukunft ohne den unseligen Zwist der Ältesten bereit, ihr in die Wüste zu folgen.

Bald schon waren die Gerüchte über ein Untier im Süden nicht mehr zu leugnen. Mit seinem massiven Körper, der perfekt an das Leben in seiner rauen Heimat angepasst war, ließ er selbst die hochgewachsensten unter den Tāri’Mana zwergenhaft klein wirken. Sein riesiges Maul war gespickt mit nadelspitzen Zähnen und stieß beständig mit dem Atem der Kreatur Wolken von feinem Staub aus. Seine langen, geschwungenen Klauen erlaubten ihm eine natürliche und vollkommene Beweglichkeit im Sand, wie sie sonst nur von den Geschuppten Kiemenatmern in den Bächen der nördlichen Berge bekannt ist. Schloss es seine bernsteinfarben leuchtenden Augen und schmiegte sich in den Sand, so war es selbst für die scharfäugigsten unter den Sandläufern nicht mehr auszumachen, bis sie sich unvorsichtig in die Nähe seines keulenartigen Schwanzes wagten, dessen Stacheln selbst die Tāri’Shal der Tāri’Mana mühelos durchdringen konnten.

So bedrohlich es den Unseren auf den ersten und auch den zweiten Blick erschien, so sehr fühlten einige der weiseren unter den Geschichtenerzählern eine seltsame Vertrautheit mit dem Wesen, das wie wir mit gelbleuchtenden Augen in perfekter Anpassung an die Wüste lebt. Elun’K’Tari tauften sie es – fremdartige Stahlhaut, doch sandten sie Boten an Arinai’Tor und ihre Helden, die sich der Bedrohung annehmen wollten. »Halte ein, bevor dieses wundersame Wesen vorschnell zum Fraß der Echsen wird! Hättest Du sein Auge gesehen, würdest Du spüren, dass wir eine Gemeinsamkeit teilen, die wir noch nicht zu erfassen mögen. Vernichtet Ihr dieses Geschöpf, vernichtet Ihr jede Gelegenheit, dieser Anmutung auf den Grund zu gehen. Erlaubt uns, herauszufinden, ob Elun’K’Tari und Sāndari’Māna mehr gemein haben als den Lebensraum der ewigen Wüste.« Arinai’Tor aber hörte diese Worte, und sie bewegten ihr Herz – und wie sie beschlossen hatte, ihr Volk zu schützen, so war sie nun entschlossen, auch diese Kreatur zu bewahren.

Und so trat Arinai’Tor, die Starke, deren Entschlossenheit so tief ist wie die Dünen selbst, auf den unsicheren Pfad, die Kreatur nicht zu vertreiben, nicht niederzustrecken, sondern sie zu zähmen. Dieser Pfad führte durch Gebiete, in denen der Wind heulte und die Sonne erbarmungslos brannte. Nicht nur gegen die äußere Bedrohung kämpften die Krieger, sondern auch gegen die eigene Erschöpfung und die nagende Ungewissheit dessen, was vor ihnen lag.

Endlich stellte sich ihnen das Untier, und der Sand färbte sich rot vom Blut ihrer Begleiter. Tapfere Krieger fielen, ihre Namen eingraviert in das Gedächtnis der Sāndari’Māna. Bogen brachen, Sandläufer taten ihre letzten Schritte im heißen Sand, doch ihr Opfer stärkte den Entschluss der Überlebenden, trieb sie an, weiterzukämpfen, wissend, dass das Schicksal der Gemeinschaft auf ihren Schultern lastete. Nach unerbittlichem Kampf stellte sich Arinai’Tor dem Elun’K’Tari entgegen. Mit einem Geist, so stark und widerstandsfähig wie die Felsen der Wüste selbst, gelang es ihr, die Macht des Elun’K’Tari zu bändigen und es einzukreisen. Wer mit ihr in vorderer Reihe stand, wurde zerschmettert, zerrissen, unter den Massen des Wesens begraben, während er über seinen Kopf die Pfeile der Arai’Kāri singend ein Ziel finden hörte. Hoch war der Blutzoll, doch höher war der Gewinn: Das Elun’K’Tari wurde nicht vernichtet, sondern seine Macht eingehegt – ein Beweis für die Fähigkeit der Sāndari’Māna, selbst die ungestümsten Kräfte zu kontrollieren.

Nicht als Triumphatorin über eine Kreatur des Bösen kehrte Arinai’Tor zurück, sondern als Mahnerin zur Einheit und Bedachtheit. Die Gemeinschaft trauerte um die Verlorenen, ehrte ihren Mut und ihr Opfer. Nun ist es am gesamten Volk der Sāndari’Māna, aus der Geschichte ihres Endes und aus dem errungenen Preis mehr zu gewinnen, als ihr Verlust uns kostete. Wir erwarten, dass es viele Mondläufe dauern wird, bis sich Erkenntnisse offenbaren, und noch einmal mehr Mondläufe, bis sich zeigen wird, ob das Abenteuer die Mühen, das vergossene Blut und die der Wüste geschenkten Tränen wert war. Ob Kreatur des Aschenebels, ob natürliches – seltenes – Untier oder Relikt unserer Vergangenheit, was das Elun’K’Tari tatsächlich ist, wird sich zeigen. Großvater Sand jedenfalls, soviel ist sicher, lässt bereits die Becher füllen, um die gefallenen Helden in seinem Reich aufzunehmen, die aus unserer Gemeinschaft in die seine übergehen.

Arai’Elun! Völker Tharanors! Wir wissen nicht, ob dies eine einzigartige Begegnung war und ob Wesen dieser Gestalt bei Euch bekannt sind, doch wir rufen euch auf: Gleich, was die Ältesten verkünden von Isolation und Freiheit von Einmischung: Schenkt uns Eure Weisheit, Eure Geschichten, denn nur so können wir dem Opfer von Arinai’Tors Begleitern einen Sinn verleihen, können wir den Schleier der Asche, der über unserer Vergangenheit liegt, lüften!

Lunai’Arai’Mana, Geschichtenerzählerin der Sāndari’Māna, neuzeitlich

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