Für die Toten

Irgendwo im Reich der Rash’Nu, tief unter der gefrorenen Haut der Welt, wo das Eis in jadegrünen Lichtadern schimmert und der Atem zu Kristallen gefriert, öffnet sich eine gewaltige Gletscherspalte. In ihrem Schoß liegt ein Heiligtum der Rash’Nu: ein gewundener Gang aus glatt geschliffenem Kalk, der sich in die Tiefe schlängelt, bis er sich in eine kreisrunde Kammer öffnet – einem der Nährbrunnen, jene tiefen, mit mineralhaltigem Schleim gefüllten Becken, in denen die Körper Verstorbener aufgelöst und in ihre Grundessenzen zurückgeführt werden. In dieser zersetzenden Wiedergeburt wird nichts vergeudet: Körper, Wissen und Erfahrung fließen zurück ins Schwarmbewusstsein – aber nur durch die Hand der Yth’Shaar. Diese ehrwürdige Kaste von Rash’Nu verzichten bewusst auf die ständige Verbindung zum Schwarm, um das geistige Echo der Toten nicht zu überlagern.

Der Brunnen ist still. Kein Laut. Kein Gedanke. Nur das leise Blubbern der nährstoffreichen Flüssigkeit, in der sich Körper auflösen und zur Essenz werden. Heute aber ist der Brunnen leer. Ein makelloser Spiegel. Und doch liegt dort etwas auf einer Steinplatte über der Wasseroberfläche: eine leblose Hülle aus Kalk, geformt wie ein Körper, doch ohne Essenz, ohne Leben. Keine Rückführung. Keine Stimme im Schwarm.
Es ist ein Tribut.
Der Körper symbolisiert nicht einen Rash’Nu, sondern die Aschlinge – das vergessene Reich, das nun von einer Krankheit dahingerafft wird. Ihre Seelen flackern wie Kerzen im Sturm. Und so sind die Yth’Shaar gekommen, um ihnen das zu geben, was sie den eigenen Toten geben: die Erinnerung. Die Ehre. Den Klang.

Acht Yth’Shaar treten aus den Schatten. Ihre kalkweißen Exoskelette glänzen im Licht des unterirdischen Phosphors, gezeichnet von tausend Gravuren. Jede Gravur steht für ein gesammeltes Bewusstsein, das sie in sich tragen. Keine Stimme erhebt sich, kein Gedanke wird gespürt – bis einer von ihnen eine Tentakel hebt und ihn in das Nährbecken taucht.

In diesem Moment geschieht das Unglaubliche. Die Verbindung bricht ab.

Nicht wie durch Gewalt oder Tod, sondern durch eine heilige Stille. Ein inneres Schweigen, das sich wie Ebbe über das gesamte Bewusstsein aller Rash’Nu legt. In jeder Siedlung, in jedem Gewebe der Stadt-Korallen, in den Tiefen der Schiffe und auf den höchsten Eisklippen stockt der Gedanke. …. Kein Schwarm spricht….

Die Welt ist still…. Nur für einen Augenblick…. Wie tot….

Dann senden die Yth’Shaar ihren Impuls. Kein Wort, kein Gedanke – sondern ein Klang.

Ein uralter, vibrierender Klang wie aus der Tiefe des Ozeans. Ein Lied – getragen von Schmerz, von Anteilnahme, von der Stille der Toten. Und jeder einzelne Rash’Nu im Reich beginnt dieses Lied zeitgleich mitzusingen. Tausende Stimmen, ein Kollektiv. Von jeder Klippe, aus jedem Turm, aus jeder Siedlung, jedem Dorf – sie alle singen und das Eismeer hört zu.

„O’ Fremde jenseits des Nebels stumm,
von Schmerz durchgraben, matt und krumm,
wir tragen euren Blick so bang,
im Hall der Tiefe, Klang um Klang.
Uns ruft der Wind, der euch umweht,
uns drückt das Leid, das mit euch geht,
wir dürfen nicht zu euch besteh’n,
doch lässt uns euer Klagen seh’n.

So singen wir mit weichem Licht,
das aus den Gestirnen leise bricht,
wir senken uns in eure Nacht,
und halten dort mit euch die Wacht.
Kein Heilerhauch durchdringt das All,
doch unser Lied erhebt den Fall,
wir ehren euch im stillen Chor,
die Stimmen hallen weit empor.

Euch formen wir ins große Netz,
in Lichtgewebe ohne Hetz’.
Ein jeder Schmerz, ein jedes Wort,
verwebt sich dort an ewigem Ort.
Und solltet ihr verlöschen bald,
so bleibt ihr in uns tief und alt.
Ein Flüstern sein, ein sanftes Dröhn,
das durch die Geister wird verwehn.

So sei dies Lied, dies weiche Band,
ein Kuss aus unserem fernen Land.
Wir strecken aus, doch greifen nicht,
wir geben Klang, wenn Hoffnung bricht.
Ihr, die im Schatten fest verweilt,
seid durch die Schwingung sanft geheilt.
Und wenn das Dunkel euch verschlingt,
das Lied der Rash’Nu weiter klingt.“

Die Yth’Shaar bleiben still inmitten des Liedes, als sei ihre Aufgabe erfüllt. Doch ihre Tentakel ruhen weiter auf der kalkweißen Hülle. Und als das Lied verklingt, ist da nichts mehr im Becken. Nur ruhiges Wasser. Ein letzter Gedanke, den alle empfangen:

„Auch wenn sie nicht von uns sind – sie sind in uns.
Sie klagen durch uns. Und durch uns werden sie nicht vergessen.“

…Und auf den Yth’Shaar eine neue Gravur…

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