Seit dem letzten Vorfall, bei dem ein Anhänger des Hauses Nil’Tenim den königlichen Ball störte und von einem tödlichen Angriff eines Tuklurs berichtete, sind einige Tage vergangen. Das Haus hatte eine neue Jagdgruppe zusammengestellt. Der Auftrag war klar: Den Tuklur, der in stadtnähe sein Revier hatte, ausfindig machen und töten.
Heute begab es sich, dass die Feylar erfolgreich zurückkehrten und den Kopf und Körper der Bestie getrennt voneinander auf Pfählen durch die aschfahlen Straßen Lan’Dalurs trugen. Der eine oder andere der Jägerschaft hatte Wunden an Gesicht und Körper, doch trugen alle diese mit Stolz als Zeichen des Kampfes, den sie bestanden hatten.

Was ein Moment des Triumphes hätte sein können, da so eine Bestie eine ernste Bedrohung darstellte, wurde jedoch zu einem völlig anderen. Auch wenn die Feylar nicht bekannt dafür waren, überschwänglich zu feiern und überhaupt ein Übermaß an Emotionen zu zeigen, so war die Freude über den errungenen Sieg nur sehr verhalten. Lediglich Anhänger des Hauses Nil’Tenim selbst eilten zu ihren Recken und gratulierten zu ihrem Sieg. Die anderen Feylar wiederum hielten sich auffällig zurück, einige schienen zu tuscheln.
Ich hatte die Gelegenheit eines dieser Gespräche beizuwohnen. In jenem tauschten sich die Feylar aus, dass dieser Sieg nicht dem Haus Nil’Tenim selbst zu verdanken ist. Gerüchte haben wohl die Runde gemacht, dass das Haus von außerhalb unterstützt wurde und wohl nur auf diese Weise ein nahezu makelloser Sieg errungen werden konnte.
Ein Tuklur war eine tödliche Gefahr. Die Fähigkeit nahezu unsichtbar im Dschungel zu jagen war legendär. Dass das Haus kein weiteres Opfer zu beklagen hatte, sei verdächtig. Man munkelte wohl, welches Haus ein Interesse daran haben konnte, dass Haus Nil’Tenim weiterhin stark dastehen würde.
Während ich dem Gespräch lauschte, trat eine Feylar aus der Maße der schweigenden Beobachter heraus und ging auf die kleine Traube der Jäger und Gratulanten hinzu. Ihr Gewand war in den traditionellen Farben der Feylar – Silber und Hellblau- gehalten. Sie trug nur kurze Knochenauswüchse zur Schau, welches den Schluss nahelegte, dass sie von niederem Stand sei. Die Angehörigkeit zu einem Haus war zumindest für meine Augen nicht klar erkennbar. Ihre Stimme war jedoch gut hörbar und glockenklar. Als sie sprach, stellte sich das Gemurmel umgehend ein. Der Jägertrupp und alle anderen blickten skeptisch zu ihr.
„Ich gratuliere euch zu eurem Sieg. Wahrhaftig ist dies ein Tag der Freude.“ Die Feylar hatte ein süffisantes Lächeln auf den Lippen, als sie begann um die Anwesenden herumzuschleichen. „Ein Sieg, der wohl in die Annalen eingehen könnte, nicht wahr?“ Dabei legte sie ihr Haupt spielerisch zur Seite. „Das mächtige Haus Nil’Tenim erlegt einen Tuklur und das ohne eigene Verluste. Welch‘ Heldentat. Welch‘ Wunder!“ – „Was willst du?“, blaffte einer der Jäger, der wohl den Trupp angeführt hatte, die Feylar hörbar genervt an. „Was -ich- will? Was wollt -ihr- für euer Haus?“
Viele der Anwesenden legten ihre Stirn fragend in Falten. „Der Speer, den ihr tragt, ist nicht aus eurem Haus. Die Rüstung, die er tragt, entstammt dem meinigen. Die Pfeile sind getränkt in dem Gift des Hauses Rei’Taklir . Das Schwert…“ Die Feylar pausierte einen Augenblick, schmunzelte dann gewinnend und fuhr schließlich fort. „Dieser Sieg ist nicht allein der eurige. Haus Nil’Tenim hat seinen Anteil daran, aber das hat auch jedes andere Haus hier.“ – „Wollt ihr etwa sagen, dass das Blut unserer Krieger weniger wert ist? Wir haben die Bestie erschlagen und ganz Ely’Thien von dessen Tyrannei befreit!“
„Mit Nichten. Was ich sage, ist, dass dieser Sieg den Feylar gehört – nicht euch alleine. Und als Sieg der Allgemeinheit obliegt es der Shi’Bath zu entscheiden, welches Haus die sterblichen Überreste des Tuklurs erhalten wird.“
Als diese Worte fielen, wurde verschiedenste Emotionen bei vielen Anwesenden sichtbar. So schienen einige erschrocken und fassungslos. Es galt als Affront dem Hause Nil’Tenim die eigene Jagdbeute abzusprechen. Andere wiederum schienen freudig erregt und gespannt auf den Ausgang dieser Unterredung. Die Jäger wiederum waren erfüllt von Wut und kaltem Hass.
„Nun, Jäger.“, den Titel betonte sie mit einem beißenden Spott, „Möchtet Ihr behaupten, dass ich nicht recht habe?“ Momente des Schweigens vergingen, in denen sich die Gesprächspartner anstarrten. Der Jäger knirschte gut erkennbar mit den Zähnen. Seine Hand schwebte über den Knauf seines Schwertes, sichtlich bemüht nicht danach zu greifen. Eine leichte Brise ließ die weiten Gewänder aller Feylar flattern.
„Nein, ihr habt Recht.“, presste er schließlich gut hörbar hervor. „Dieser Sieg ist ein Sieg von uns allen, für uns alle.“ Eine kurze Pause folgte, dann führte er etwas gefasster fort. „Es obliegt daher der Shi’Bath alleine zu bestimmen, an welches Haus der Tuklur geht.“ Die Feylar nickte zufrieden und schaute dann in die Runde der Zuschauer. „Ich bin erleichtert, dass wir uns einig sind. Nun… ich will euren Sieg nicht weiter stören. Dieser Moment gehört euch allein – im Gegensatz zu dem Tuklur.“ Ein letztes spöttisches Grinsen folgte, dann verschwand die Feylar wieder in der Menge.
Später erfuhr ich, dass die Shi’Bath den Tuklur dem Hause Tir’Saik geschenkt hatte.
Jordan Hardlinger,
Schreiber der Analen der Feylar zum Anbeginn der neuen Zeit, Stimme der Shi’Bath Telara Sin’Qilial im Vne Thall und im Austausch mit den Völkern Darshivas