Der Nebel wich nicht friedlich, sondern mit Zorn, als hätte er ein eigenes Bewusstsein, als wäre er nicht nur ein Schleier aus Asche und Schatten, sondern ein Wesen, das sich wehrte, das sich klammerte an das, was es so lange gehalten hatte. Er löste sich nicht sanft auf, sondern zerriss in brodelnden Strömen aus Dunkelheit, die aufbäumten und griffen, sich wie lebendige Finger um die Mauern der Enklaven legten, als wollten sie sie mit in den Abgrund reißen. Die ersten Anzeichen seines Rückzugs waren trügerisch, kaum mehr als ein Hauch von Klarheit an den Rändern der Welt. Ein leiser Wind, der die Asche aufwirbelte, wo es zuvor keine Bewegung gegeben hatte. Ein fahles Licht, das wie ein sterbender Funke durch die schwere Luft drang und mit diesen Veränderungen kamen die Kreaturen, die der Nebel mit sich getragen hatte, Wesen, von denen niemand wusste, ob sie schon immer dort gewesen oder ob sie mit dem Nebel selbst entstanden waren. Verzerrte Gestalten mit leuchtenden Augen, Schatten mit Klauen aus Knochen und Zähnen wie gesplitterter Stein, die lautlos durch die Finsternis jagten und sich in das Fleisch derer gruben, die zu langsam waren, um zu fliehen. Mit jedem Stück Land, das der Nebel verlor, wurde sein Widerstand wütender, mit jedem Hügel, der wieder sichtbar wurde, mit jedem Baum, der aus dem Grau auftauchte, verdichtete sich seine Raserei, als könne er den unausweichlichen Niedergang aufhalten und so wurden die Mauern der Enklaven zu Schlachtfeldern. Nicht gegen Menschen oder andere Völker, sondern gegen jene Kreaturen, die zwischen den Welten lebten, die sich niemals gezeigt hatten, solange der Nebel allmächtig war und die nun um ihr eigenes Überleben kämpften. Man sprach von Wesen, die ihre Körper in den Rauch hüllen konnten, von Jägern, die sich lautlos in jede Lücke zwängten, von schmalen, hochgewachsenen Gestalten mit Gesichtern wie glatte Masken, die keine Regung zeigten, selbst wenn man ihnen die Klinge ins Herz stieß. Pfeile zerschlugen ihre Körper, doch oft schienen sie nur zu zerfallen, um aus einer anderen Richtung wieder aufzutauchen und es war nicht Stahl allein, der gegen sie half, sondern Feuer, das die Dunkelheit urchbrach, das die Nebelschatten versengte und den Boden markierte, auf dem sie nicht mehr schreiten konnten. Doch während der Kampf gegen die Finsternis tobte, während die Enklaven sich mit aller Kraft gegen den Sturm wehrten, geschah etwas Unerwartetes, etwas, das so lange unmöglich schien, dass viele es erst für eine Täuschung hielten – dort, wo der Nebel sich auflöste, wo das Licht zaghaft durch die Schwaden fiel, wurden nicht nur unentdeckte Landschaften und alte Ruinen sichtbar, sondern auch Spuren von Leben. Spuren, die nicht die eigenen waren, Spuren von Füßen, die durch die Asche gegangen waren, Abdrücke von Hufen, die nicht den Tieren gehörten, die man kannte, Zeichen, eingeritzt in Steine und in einer Sprache, die seit Generationen nicht mehr gesprochen worden war. Der Nebel hatte nicht nur getrennt, er hatte eine Lüge gesponnen. Die Lüge, dass man allein war, dass keine anderen Völker mehr existierten, dass das eigene Dorf, die eigene Stadt das letzte Bollwerk gegen das Vergessen war. Aber es gab andere. Andere mit eigenen Sprachen, mit eigenen Geschichten, mit eigenen Waffen, die in den Jahrhunderten des Nebels gewachsen waren, in der Isolation und in der Dunkelheit. Andere, die gelernt hatten, den Feind auf ihre Weise zu bekämpfen, die Mittel kannten, um die Schatten zu binden, um sie zurückzudrängen, um ihnen nicht nur mit Stahl, sondern mit altem Wissen zu begegnen. Und während der Nebel fiel, während seine Fesseln rissen, während sein Atem sich in den Winden auflöste, kam die Erkenntnis: Die Dunkelheit wich nicht von allein. Sie würde nicht einfach verschwinden, sie musste aus der Welt gerissen werden, mit Feuer, mit Kampf, mit all der Kraft, die in den Jahren des Wartens geschmiedet worden war. Der Krieg ist nicht vorbei, noch lange nicht. Doch zum ersten Mal, seit die Asche fiel, ist der Horizont mehr als nur eine vage Idee. Die Welt ist größer als gedacht. Und sie gehört noch immer jenen, die den Mut haben, sie zurückzufordern.

für Darshiva und seine Völker
Firon Yitharin
… aus einer Zeit vor der Dämmerung