Hört, oh Kinder der Gemeinschaft! Die Wahrheit ist ein glühendes Sandkorn, das zwischen den Fingern des Ältestenrates zermahlen wird, während sie ihre Augen vor dem Leid der Wüste verschließen – doch die Wüste lebt, und auch Hoffnung zeigt sich gleich dem grünen Schimmern, das ein Wasserloch am Horizont verheißt!
Seht nur die Prunksucht und den Hochmut, die in Shānti’Kāla, der Stadt auf dem Friedensglas, herrschen! Die Ältesten, geblendet von ihrer eigenen starren Fassade der Herrschaft, treiben einen großen und eitlen Prunkbau voran: In den Sand der Wüste außerhalb der Hauptstadt lassen sie Steinquader aus den Bergen am Rand des Reichs schleifen, ihre Arbeiter antreibend, bis sie den Geist aufgeben. Ein unnatürliches, ovales Bauwerk lassen sie entstehen, dessen Schatten mit denen der Hauptstadt wetteifern, wenn die Sonne tief steht. Was soll dies werden, eine Kolonie, in der ihre Arbeiter wie die Kerne in der Kaktusfrucht dicht an dicht ruhen? Man munkelt, diese Monstrosität wollten sie allen Völkern der Welt zeigen, um die Größe unseres Volkes verherrlichen.

Doch diese Protzerei wird mit Leid bezahlt. Sie verlangen, dass unser Volk Verzicht übt und Härten erträgt, damit Shānti’Kāla nicht mehr ein Leuchtfeuer des Friedens und der Hoffnung, sondern der Großmannssucht sein soll. Der Glanz wird durch die erdrückende Abgabenlast des Volkes erkauft – und durch die gefährliche und zehrende Arbeit derer, die das Baumaterial in die Wüste schaffen und aufschichten. Ihnen wird der Gürtel enger geschnallt, damit die Ältesten ihre Pracht mehren können.
Die Konsequenz dieser Blindheit des Rates zeigt sich im Südwesten unseres Reiches. Dort, wo der Thul zuletzt wieder wich, hinterließ er geisterhafte Aschenwesen in großer Zahl, vor denen die nahgelegenen Dörfer und Gemeinschaften zittern. Das Leben in den Provinzen ist bereits mit harter Arbeit und Abgaben gefüllt. Und doch verhöhnen die Ältesten ihre Not und bezeichnen die Klagen über die Geister als Schauergeschichten, um Mitleid zu erheischen.
In dieser Not wenden sich einige der Unseren von den Traditionen ab: Sie beten neue Geister an, von denen sie sich Abwehr des Übernatürlichen versprechen, und deren Macht die Aschegeister mit Sand und Vergessen bedecken soll. Sie suchen die Erlösung vom Schmerz, den ihnen nicht nur die Nebelgeister, sondern auch die Gier und der Starrsinn der Hauptstadt zufügen. Es ist eine Suche nach einer neuen Form des Schutzes, denn die strikten Strukturen der Ältesten bieten ihnen keine Sicherheit. Die Geschichten der Vorfahren flüstern uns, dass die vergangenen Bewohner von Kāla’Mana’Thul – einer Siedlung am Rande des Nebels – sich „in der Geschichte verloren haben wie Seelen im Nebel“. Wollen wir hoffen, dass dieses Schicksal nicht auch den Zweifelnden droht. Wir wissen, dass Vergessen gefährlich ist, doch wir verurteilen nicht die Wege derer, die durch die Last von Gefahr und Abgaben in die Knie gezwungen werden.

Doch selbst in dieser inneren Zerrissenheit findet die Hoffnung ihren Weg. Nach einem blutigen ersten Zusammentreffen Kiran’Sols mit den Feuerelfen von Al’Umbryjil setzten sich dies Stimmen der Vernünftigen durch, die dem Shan mit ganzem Herzen folgen. Sühne wurde geleistet, um das vergossene Blut aufzuwiegen, und der gemeinsame Feind, die Aschewesen, einen die zuvor misstrauischen und hitzköpfigen Nachbarn. Mit den Feuerelfen eint uns, so zeigte sich, die Verehrung für das seltene Element in der Wüste, das Kāla’Arai und schenkt – und wer weiß, vielleicht werden wir schon bald in Kāla’Arai’Lunai Feuerelfen und Sāndari’Māna in Anbetung und Verehrung vereint sehen.
Und auch den Nachbarn auf der anderen Seite des Reichs begegnen wir im Geistes des Shan: Aus Kiran’Sols Beispiel lernend wagte sich Tāri’Dun nur vorsichtig in den sich lichtenden Nebel und wurde belohnt: Ein Volk, das wie wir den Wind besonders verehrt lebt dort, gar nicht fern unserer jüngsten Stadt, und bringt zweierlei Wunder: Da sind die Geschichten von denen, die Vetter Wind in ein großes Abenteuer lockte – von gewaltigen Wassergebieten hörten wir, auf denen die Awathern mit Schiffen fahren, von Arai getrieben. Geschichten, die erklären, warum die Waffen schwiegen, als die Unseren jener Fremden angesichtig wurden, lässt sich der launische Schelm doch hüben wie drüben verehren.

Das andere Wunder jedoch erfuhr Tāri’Dun nicht nur aus Geschichten – er wurde von General Rhok Gozzet eingeladen, es zu besuchen: Wohl kennen wir aus den Steppen unseres Reiches einzelne Bäume, die dem trockenen Boden das Wasser abringen, das sie zum Wachstum brauchen – doch hier bedecken wahrhaft riesige Vertreter das Land, zahlreicher als selbst die Dünen die Wüste zieren. Von Ehrfurcht und Dankbarkeit ergriffen hielt er inne und danke den Göttern und seinen Gastgebern für diese Erfahrung.
Statt des anderen Blut zu vergießen entwickeln sich also zarte Vorboten zukünftiger Freundschaft, zukünftigen Shans. Dies zeigt, dass wahre Stärke in der Gemeinschaft und im Mitgefühl gefunden wird, und nicht in den Mauern einer prunkvollen Arena. Dies sind Zeichen des Shan, die uns lehren, dass das Wissen und die Geschichten aller Völker gesammelt werden müssen, um die Dunkelheit zu besiegen. Die Arena mag den Sand der Wüste füllen, aber die Herzen der Menschen suchen den Wind des Friedens, der über die Berge trägt.
Lunai’Arai’Mana, Geschichtenerzählerin der Sāndari’Māna, neuzeitlich