ML45 – Nachruf

Höret, Kinder der Gemeinschaft – und höret, Fremde, die dem gleichen Wind lauschen wie wir – höret die Geschichte von einem Wanderer, dessen Mana einkehrte in Großvater Sands Reich. Höret die Geschichte von Vielweg aus dem Volk der Aschlinge.

Seinen letzten Atemzug bezeugte ich, nachdem er sein Blut zur Bekräftigung seiner Worte gegeben hatte und die Faust eines Anderen ihn an einem Ort der Verständigung gefällt hatte. Nicht zu den Seinen zähle ich – und doch legte er sein Andenken in meine Hände.

Kurz war unser gemeinsamer Weg, denn wir waren lange Zeit durch den Aschenebel getrennt und nur die Vermittlung der Ntal’Hrom brachte uns im Konvent der Dämmerung zusammen. Doch was über ihn zu sagen ist, endet nicht mit dem wenigen, was meine Augen sahen. Die Seinen erwiesen mir die Ehre, mir den Faden für mein Geschichtengewebe zu spenden. Was sie mir anvertrauten, trage ich nun weiter.

Geboren wurde Vielweg in den Tagen vor der Dämmerung, bevor der Thul begann, seinen Griff zu lockern und die Wege zwischen den Völkern sich zu öffnen begannen. Seine Wurzeln lagen unter jenen, die ihr Brot aus der Tiefe kratzen, und seine Gestalt war schmal, mit wenig Fleisch auf seinen Knochen. Als das Orakel der Toten ihm jedoch seinen Namen gab, wurde gesprochen: Er werde weiter gehen als jeder seines Volkes.

Als junger Träger war er fleißig und den Ahnen treu. Doch sein Geist war wach, und er sah, was andere nicht sahen – Gelegenheiten. Als der Thul sich zurückzuziehen begann, beweinten viele das Ende der bewährten Wege, während er sah, welche Pfade sich auftaten. Und so erhob er sich über seine Herkunft als Dreckwühler und führte die Seinen über die Grenzen von Prachtfall hinaus. Aus ihnen wurde eine neue Sippe: die Lastenträger. Sie brachten Güter und Tribute aus den Provinzen in die Hauptstadt und verbanden, was getrennt war. Und so blieb das Bild von ihm: Ein Träger, der die schweren Lasten auf seinem Haupt balancierte.

Doch wisset: Er trug nicht nur Waren. Er trug Verantwortung. Und er zeigte, wie ein Aschling unter der Last nicht zerbricht, sondern lernt, aufrecht darunter zu gehen. Wo andere in den Karawanen nur mitliefen, führte und plante er sie mit Weitblick. So wurde ihm eine seltene Ehre zuteil: Trotz seines Alters – und obwohl er nicht als Krüppel geboren war – wurde er zum Akolythen erhoben und im Schreiben unterwiesen.

Im zweiten Jahr der Dämmerung gab das Orakel dem Willen des letzten Ethnarchen Gestalt: Der Orden der Reisenden wurde wiedereingesetzt, und Vielweg zu seinem Ordensmeister berufen. Wo Neider ihm seine Herkunft und Unkenntnis in den Wegen der Herrschenden vorwarfen, ließ er Taten sprechen, und schon bald formte er Goldgruft zum Herz der Güterverteilung im Reich.

Das Privileg der Schrift setzt er unermüdlich ein, um Verbindung zu den anderen Völkern Darshivas aufzunehmen – gab von seinem Blut in die Zeichen, um den Worten Gewicht zu verleihen. Viele von Euch werden Seine Worte kennen, mit denen er die Sicht und Wege seines Volkes kund tat und für den Außenstehenden zugänglich machte.

Seine Schritte führten ihn stets auch an die Orte, die andere mieden, wenn es seine Berufung verlangte. Als die Seuche des schwarzen Fiebers wütete, versorgte er mit seinem Orden – und auch mit eigener Hand – die Siechenhäuser mit körperlicher und geistlicher Nahrung. Die Nähe der Krankheit hielt ihn nicht zurück.
Und auch vor den Wegen, die von fremder und gefährlicher Kraft durchzogen waren, wich er nicht. So folgte er der Einladung der Ntal’Hrom auf jenen Pfaden, die ihn schließlich bis an das Ende seines Weges führten.

Was dort geschah, ist bekannt – und ich werde es nicht verschweigen. Im Kreis der Völker erhoben sich Stimmen im Zorn, wurde gar ein Krieg erklärt. Worte wurden verworfen, und wo Verständigung hätte stehen können, fiel ein Schlag. Geschwächt von Krankheit traf Vielweg die Faust seines Gegenübers – und so endete sein Weg nicht in der Ferne – sondern im Angesicht derer, die er zu verbinden suchte.

Vielweg selbst bezeichnete sich bescheiden als einfachen Reisenden auf der Suche nach dem rechten Maß, doch die Größe der Lücke, die er hinterlässt, zeigt seine wahrhafte Bedeutung. Gebürtige wie aufgenommene Aschlinge betrauern seinen Verlust, und das Ausbleiben seiner Briefe wird überall in Darshiva spürbar sein. Denn wo seine Worte einst Wege schufen, bleibt nun Stille.

Kāri’Mana’Arai, die Mittlerin, von den Sāndari’Māna, neuzeitlich

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