Morgendämmerung

Drei Tage und Nächte hatte sie hin- und hergewogt, die Entscheidungsschlacht, in der fast eintausend Krieger der Andar gegen ein schier endloses Meer an Nebelwesen ins Feld gezogen war. Späher hatten zuvor inmitten der Sturmzinnen, einem gewaltigen Gebirge am Ufer der Eissee, ein tiefes Tal ausgemacht, dessen Sohle nie von den Strahlen der Sonne erreicht wurde. Diese hätte es ohnehin nicht vermocht, die unbarmherzige Kälte, die in diesen Landen stets herrschte, zu vertreiben.

Eine Vielzahl der rätselhaften Wesen, deren Leiber aus waberndem Nebel zu bestehen schienen und welche der Hass auf alles Leben einte, hatte dieses Tal als sein Refugium auserkoren. Unzählige der nebelhaften Leiber wanden sich in den immerwährenden Schatten und warteten darauf, Grauen und Verderbnis über jene zu bringen, die sich in ihr dunkles Reich wagten.

Mit eisernem Willen und entschlossen, ihre Heimat endlich ein für alle Mal von der Bedrohung dieser widernatürlichen Kreaturen zu befreien, warfen sich die Krieger der Andar mit ihrem Anführer, Eresthis, dem Meister der Klinge an der Spitze, in die Schlacht. Unerbittlich fochten Sie gegen die Ausgeburten des Aschenebels, die viel zu lange schon grauenhaften Schrecken verbreitet hatten.

Als am Morgen des vierten Tages nach Beginn der Schlacht die ersten Strahlen einer glutroten Sonne begannen, die westliche Felswand des Tals in ein fahles Licht zu hüllen, war es endlich soweit. Der klägliche Rest überlebender Andari hatte das letzte verbliebene Nebelwesen eingekreist und versuchte, das sich mit geisterhafter Kraft windende Miasma, welches die Form eines Eisbären angenommen hatte, mit ihren Speeren zu durchbohren. Nach den endlosen Stunden des Kampfes konnten sich die Andar kaum noch auf den Beinen halten. Mit grimmiger Entschlossenheit gelang es ihnen schließlich mit letzter Kraft, die Existenz des schemenhaften Bären zu beenden.

Wie in Trance standen die Krieger da und sahen zu, wie die Bärengestalt in einzelne Nebelschleier zerfiel, die sich schließlich verflüchtigten. Nur eine Hand voll Soldaten hatte die Schlacht als die letzten Verbliebenen des einstmals so großen und stolzen Heeres überlebt.

Augenblicke zuvor hatte es nur ein einziges Ziel gegeben, nach dem sie gemeinsam gestrebt hatten. Doch auf die zahllosen Stunden der Hektik und des Chaos der Schlacht folgten mithin eine gefühlte Ewigkeit der Reglosigkeit und der Stille.

Schließlich kam Bewegung in Eresthis, der sich unter den Überlebenden befand. Langsam und bedächtig begann er damit, die Körper der gefallenen Kameraden nebeneinander zu legen, ihre Unterarme über der Brust gekreuzt. Bald taten es ihm die anderen Verbliebenen gleich. In absolutem Schweigen verrichteten sie den letzten Dienst, den sie ihren toten Freunden und Kameraden gegenüber noch erbringen konnten.

Der Tag war schon beinahe vorüber, als der letzte der Gefallenen sich seinen toten Gefährten anschloss. Nebeneinander lagen sie da, leblose Körper in einem nicht enden wollenden Spalier ewiger Ruhe und Friedens. Manche der Gesichter waren verzerrt in unfassbarem Grauen, andere wiederum wiesen die Gleichmütigkeit auf, die nur der Tod mit sich brachte. Wenige waren gar mit einem feinen Lächeln auf den Lippen aus dem Leben geschieden. Möglicherweise hatte ihnen der Gedanke daran, dass ihr Opfer nicht umsonst gewesen war, Genugtuung bereitet.

Bald schon würden sie der Geborgenheit des Eises anvertraut werden. In wenigen Tagen sollte die Nachhut eintreffen. Dann würden die gefallenen Helden die letzte Wacht antreten und die Lebenden würden mit den Vorbereitungen beginnen, an diesem Ort des schmerzlichsten Opfers und des größten Triumphs die Grundfesten für eine neue Stadt zu errichten. Rhungard wird sie genannt werden, die Stadt der ewigen Ruhe.

Doch noch war es nicht soweit. In Stille wachten die Lebenden über die Toten.

Gezeichnet
Der Bewahrer der Erinnerungen

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