Hört, Kinder der Gemeinschaft, eine neue Geschichte, die vom Strahl des Lichts, Kiran’Sol, und dem tiefen Wunsch nach einem Neuanfang erzählt. Es war in einer Zeit, als der Aschenebel sich langsam lichtete und die Welt sich auf vielfältige Weise veränderte. Die starren Strukturen der alten Welt brachen auf, wie Sand zerrannen sicher geglaubte Wahrheiten, und die Völker dieser Welt begannen, sich neu zu formieren.
So begab es sich, dass Kiran’Sol in der K’Dun, der Knochenwüste, in deren karge Hügel sich freiwillig kein Sāndari’Māna verirrte, und die er darum erst spät auf seiner Reise erkundet hatte, überraschend auf eine Gruppe von Flüchtlingen traf. Diese, einst Teil unserer Hauptstadt, spürten den Sturm, der zwischen den Ältesten und den Geschichtenerzählern aufzog und wollten ihm entgehen, wie der Weise Sandläufer den alles zermahlenden Staubteufel kommen sieht und Schutz für sich und die seinen sucht. So sehr hatten sie den Glauben an ein friedliches Leben in Shānti’Kāla verloren, dass sie alles aufgegeben hatten und in die Wüste gezogen waren, auf der Suche nach einem Ort, der vor den Konflikten der Hauptstadt sicher war.
Diese Flüchtlinge waren erschöpft, entmutigt und hatten all ihre Habseligkeiten verloren. Doch in ihren Herzen trugen sie den Wunsch nach einem Neuanfang, einem Leben außerhalb der starren Strukturen und Konflikte ihrer alten Heimat. Sie suchten einen Ort, wo sie in Frieden leben und ihre Gemeinschaft neu gestalten konnten. Sie hatten genug von den Ältesten, die die Sorgen der Bewohner der entlegenen Regionen ignorierten und von den radikaleren unter den Geschichtenerzählern, die diese Unzufriedenheit schürten, statt die Gemeinschaft durch ihre Kunst zu stärken. Sie sehnten sich nach einem Ort, an dem ihre Stimmen gehört und ihre Bedürfnisse geachtet wurden.
Kiran’Sol, der Strahl des Lichts, der Hoffnung und ein Ziel bringt, hörte ihre Geschichten mit großem Mitgefühl. Er teilte seine Vorräte mit ihnen und bot ihnen Schutz für die Nacht, denn er ist bekannt für seine Güte und seinen Wunsch nach Gemeinschaft. Er hatte selbst den Ruf des Windes gehört und war offen für neue Wege – Wege, wie diese Wenigen sie gerade vor seinen Augen beschritten. Inspiriert von ihrem Mut und ihrem Wunsch nach einem Neuanfang, beschloss er, ihnen ein neues Heim, einen neuen Anfang zu schenken.
In der Knochenwüste, in der sie sich befanden, hatte er dazu einen Ort gefunden, wie er besser nicht sein könnte, und den niemand außer ihm und seinen Begleitern bisher kannte oder beanspruchte. Dort, verborgen vor den Augen der Welt, hatte er eine kleine Quelle gefunden, die klares Wasser spendete – ein Geschenk des Wassergeistes Kāla’Arai. Es war ein Ort der Ruhe und Kraft, wo selbst die stürmischen Fallwinde des über der Region aufragenden Arai’Shan sich besänftigten. Er ließ aus seinem Tross alle Vorräte herausgeben, die zur Gründung einer Siedlung benötigt wurden – Werkzeuge, Häute, Knochen großer Echsen, Ledersäcke und auch den Bast der Bäume, die er in der Steppe im Norden entdeckt hatte. An diese seine eigenen Reisen erinnerte er sich – wie er dem Ruf des Windes gefolgt war und die Welt erkundet hatte, und er wollte diesen Menschen nun eine neue Richtung weisen.
Die Siedlung erhielt den Namen Shānti’Arai, was so viel wie „Frieden des Windes“ oder „Frieden vor dem Wind“ bedeutet. Dieser Name symbolisierte sowohl den erhofften Frieden als auch die Führung von Vetter Wind, der Kiran’Sol auf seiner Reise geleitet hatte. Die Flüchtlinge erinnerte er vielleicht auch an den ursprünglichen Sinn von Shānti’Kāla, wo der Friede mit einem Donnerkeil erzwungen worden war. Doch dem ursprünglichen Frieden schienen sie nicht mehr zu vertrauen, und so wählten sie den Wind als Sinnbild für den Frieden, da es Vetter Wind war, der Kiran’Sol auf seine Reise führte und als ständiger Begleiter der Sandari’Mana Freiheit und Ungebundenheit repräsentierte. Sie wollten einen Frieden, der nicht durch Gewalt erzwungen, sondern durch die Gemeinschaft gelebt wird. Sie wollten einen Ort, der durch die ständige Bewegung und Veränderung des Windes vor den starren Strukturen der Hauptstadt geschützt war.
Die Siedler baten Kiran’Sol, ihr Anführer zu werden und den Aufbau der Siedlung zu leiten. Er aber sprach: „In Treue verbunden bin ich Vetter Wind, der mich lockt, weiter die Welt zu erkunden. Mein Schein, meine Hoffnung bleiben euch und werden euch Kraft geben, wie auch ich euch nicht vergessen werde als die Mutigen, die sich in Zeiten der Not dem unbeständigen Vetter anvertrauten und deren Wege Arai mit den meinen kreuzte!“
So wurde Shānti’Arai zu einem Ort des Neuanfangs, einem Ort des Friedens, gegründet durch den Mut der Flüchtlinge und die Güte von Kiran’Sol. Und so leben sie, fernab der Konflikte ihrer alten Heimat, ein Zeugnis des unerschütterlichen Glaubens an einen Neuanfang. Sie wussten, dass der wahre Frieden nicht in den Mauern einer Stadt, sondern in den Herzen der Gemeinschaft gefunden werden kann. Sie bauten ihre Behausungen mit dem Wissen um die Launen der Wüste und lernten, im Einklang mit dem Wind zu leben. Sie nutzten das Wissen ihrer Vorfahren und entwickelten neue Wege, um in dieser abgelegenen Region zu überleben und zu gedeihen.
Die Geschichte von Shānti’Arai ist eine Erinnerung daran, dass auch in den dunkelsten Zeiten die Hoffnung auf einen Neuanfang existiert. Sie ist eine Mahnung, dass wir den Ruf unseres Herzens folgen und unsere eigenen Wege gehen können, um das Glück und den Frieden zu finden, den wir suchen. Sie ist ein Beweis dafür, dass Gemeinschaft und Mitgefühl die stärksten Kräfte in unserer Welt sind und dass selbst die kargste Wüste zum fruchtbaren Boden für Hoffnung werden kann. Sie zeigt, wie wichtig es ist, gemeinsam die Welt zu gestalten, auf dass Frieden und Gerechtigkeit herrschen. Und sie erinnert uns daran, dass selbst der kleinste Lichtstrahl in der Dunkelheit den Weg weisen kann.
Lunai’Arai’Mana, Geschichtenerzählerin der Sāndari’Māna, im Mondlauf 19