Spaziergang im Morgennebel

Über das erstmalige Auftreten des Reiches Rīn

Aneki:
„Meisterin… darf ich etwas fragen? Es ist alles noch so groß für mich.
Warum sagen wir, dass Rīn jetzt erwacht ist?
Wir waren doch immer hier.“

Saeda (lächelt leicht):
„Weil ein Volk erst gesehen wird, wenn es beschließt, gesehen zu werden.
Lange haben wir im Schutz der Stille gelebt.
Doch nun trägt die Knospe Gewicht.
Man kann nicht blühen, ohne sich der Welt zu zeigen.“

Aneki:
„Und unsere Ordnung… die Kōsei…
Warum sagt man, sie sei älter als wir?“

Saeda:
„Weil wir sie nicht erfunden haben.
Wir haben sie gefunden.
So wie man einen Fluss findet, der schon immer geflossen ist.
Kōsei ist die Weise, wie die Welt Bestand hält.
Wir haben nur gelernt, ihr zuzuhören.“

Aneki:
„Und deshalb gibt es die zwei Linien?
Sharu und Rūjin?
Ich verstehe noch nicht ganz, warum das so sein muss.“

Saeda:
„Weil kein Wesen allein vollständig ist.
Instinkt ohne Erkenntnis ist blind.
Erkenntnis ohne Instinkt ist starr.
Wir tragen beides in uns – aber getrennt,
damit jedes klar bleibt und nicht das andere verschlingt.
Gemeinsam bringen sie neues Leben hervor.
Alleine … nichts.“

Aneki:
„Manchmal fühlt es sich an wie ein Rätsel, was du sagst.“

Saeda:
„Rätsel sind Wege, die man gehen muss, um sich selbst zu verstehen.“

Sie bleibt kurz stehen, berührt leicht die Rinde eines alten Baums.

„Denk an den Tag und die Nacht.
Sie sind getrennt, vollkommen verschieden, klar in ihrem Wesen.
Jeder geht seinen eigenen Pfad,
und keiner kann den Pfad des anderen gehen.
Doch nur weil sie einander ablösen,
bleibt die Welt im Gleichmaß.
Ohne Nacht wäre der Tag zu schwer,
ohne Tag wäre die Nacht zu lang.
Erst ihr Wechsel lässt Leben bestehen.
So sind Sharu und Rūjin.
So sind wir.“

Aneki:
„Aber sie begegnen sich nie.
Ist das nicht Trennung?“

Saeda:
„Nicht Trennung – Ordnung.
Tag und Nacht berühren sich selten,
doch ohne das eine verliert das andere seinen Sinn.
Darum sind Morgengrauen und Abenddämmerung unsere sehnlichsten Zeiten.“

Aneki:
„Und die anderen Reiche?
Werden sie uns akzeptieren?
Oder fürchten?“

Saeda:
„Beides, vielleicht.
Fremdes wird oft gefürchtet.
Aber Furcht vergeht, wenn man den Schritt setzt, der sie überwindet.
Wir kommen nicht, um gefürchtet zu werden.
Wir kommen, weil die Zeit uns ruft.
Und weil die Kōsei nicht im Verborgenen bleiben kann.“

Aneki:
„Und was bedeutet das für mich?“

Saeda:
„Geh.
Lerne.
Beobachte.
Nimm dir Zeit.“

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