Über die Freiheit Im Namen des Senats von Prachtfall und der Gesamtheit der Aschlinge erhebe ich meine Stimme aufgrund der Klage gegen mein Volk!
Der Vorwurf lautet: Die Missachtung der Freiheit der Meinungen. Hiermit sei kund getan: Wir bekennen uns dessen als schuldig…
Wir, die Sklaven des letzten Ethnarchen, kennen Freiheit nicht. Wir suchen sie nicht. Wir achten sie nicht. Wir finden keine Ehre darin, ein Sklave der eigenen Begierden zu sein. Unseren Ahnen wurde keine Freiheit gegeben. Sie wurden in Schmerz und Kummer geboren, lebten durch den Zwang der Notwendigkeit und verließen die Welt getreu ihres Schicksals. In jedem unserer Schritte hallt ihr Opfer wider…
Denn was ist Freiheit? Wieso erhebt ihr sie als Ideal, preist sie als kostbares Gut? Ihr sprecht, als sei es eine edle Kunst Herr über nichts als sich selbst zu sein. Als wäre Unabhängigkeit erstrebenswert. Oh welch törichter Traum der Lebenden… Die Freiheit, von der ihr da redet, ist nur ein Trugbild, das dem natürlichen Lauf von Pflicht und Sterben trotzt. Erkennt dir nicht, dass jegliche Kreatur in Ketten liegt?
Gebunden ist das Dasein durch die Last der Vergangenheit, die Bande der Gemeinschaft, dem Joch der Pflicht, der Notwendigkeit von Leben und Tod. Die Freiheit aber gebiert keine Ordnung, sie ist die Mutter des Chaos! Frei zu sein heißt sich aus dem unaufhaltsamen Rad des Schicksals zu lösen, sich der Verantwortung zu entziehen und einsam ohne Erlösung zu leiden wie die Wesen des Aschenebels:
Frei von Leben, Frei von Tod, frei von Ehre, frei von Erkenntnis. Einzig und allein bestimmt durch grenzenlose Gier und Hass!
Was sind da Meinungen? Nichts als Flüchtiger Schall und nichtiges Geschrei angesichts der Weisheit der Ahnen! Nennt ihr das Geplapper des Gedankenlosen etwa Vernunft? Nein! Unser verlässliches Fundament ist, was in Stein und Riten überliefert oder durch die Erkenntnis des Todes offenbart wurde. Die Tradition lehrt zu erinnern, was sich für die eigenen Vorfahren bereits bewährt hat. Wer aber aus bloßer Vermutung lebt, baut ein Haus auf Sumpf und fragt dann, wieso es versinkt. Wie könnte jemals eine einzelne Stimme den Chor der geflüsterten Weisheit aus den Gräbern überstimmen? Was sollen also all diesen unausgegorenen Gedanken und Eitelkeiten?
Die Wahrheit ist kein Markt der Stimmen. Das Schicksal beugt sich keinen Spekulationen. Der Tod wählt keine Mehrheiten. Denn Wahrheit wird mit Blut und Verlust geschrieben. So ist eine Ansicht keine Wahrheit, nur ein loses Blatt im Wind. Und die Freiheit, Meinungen wie lose Blätter verstreut, bildet den Nährboden für Irrtum und Trug. Wenn Worte frei fließen wie die ungezähmte Trauer, werden sie sich aufstauen und als Sintflut der Lügen alles fortspülen, was nicht fest verankert ist. Denn Herzen sind schwach und leicht zu täuschen…
Die Ntal’Hrom sagen, man solle Meinungen frei äußern, Theorien schlagen wie Funken, die vielleicht Flammen schlagen. Wir sagen: Feuer, das keinen Zweck hat, verbrennt nur die Ernte. Spekulation ist ein naives Spiel der Leichtfertigen, die keine echten Sorgen kennen! Und wer ihnen dann aber widerspricht, den nennen sie einfältig und legen fest welche Kritik an ihnen erlaubt sei und welche nicht…
Merket auf: Worte brauchen kein Recht auf Freiheit. Sie haben aber die Pflicht, Wahrheit zu sein. Ihr Wert misst sich daran, wie viele Leben sie im Sturm des Schicksals aufrecht halten. Wahr ist was den letzte Atemzug überdauert. Worte, die keine Last tragen, sind wie Staub. Jene Freiheit, die ihr rühmt, ist ein Tier ohne Zügel, das am Rande des Abgrunds tanzt. Sie kennt keine Pflicht, keine Schranken, keine Wahrheit. Sie ist ein Raubtier, das auf euren Feldern weidet und eure Häuser in den Ruin zieht. Freiheit verlangt nichts, erwartet nichts, zwingt niemanden zum Opfer. Sie ist das Gegenteil der Notwendigkeit, die unsere Knochen biegt und unsere Rücken krümmt.
Mögen die Toten offenbaren, welches Wort im Angesicht der Ewigkeit weiter Bestand hat und welches wie Asche im Nebel vergeht…
Beglaubigt durch den Ältesten Aschegrimm von der Sippe der Staubläufer, Führer der Harrenden des Schicksals, Stimme der Vernunft
Verfasst gemäß seiner Worte durch den Ältesten Blutschrift aus der Sippe der Gassenkenner, erster Schreibender des Senats