Volons Reise nach Rash’Sul – Ein Bericht als Tribut zur Verständigung der Völker

Volons Schritte führten ihn über zerklüftete Klippen, durch karge Tundren, unter einem Himmel, der sich stets zwischen Grau und Dämmerung zu verlieren schien. Seit Wochen schon war da eine Stimme, ein Flüstern in seinen Träumen – sanft, beständig, wie die Strömung eines unsichtbaren Flusses. Es rief ihn, nicht mit Worten, sondern mit einem Gefühl. Eine Einladung, eine Erwartung. Und so war er gekommen, ins Land der Rash’Nu.

Eine Gruppe von ihnen wartete bereits auf einem Hügel aus verwehtem Eis. In vollkommenem Gleichklang wandten sie sich ihm zu, ihre Bewegungen so fließend, dass es wirkte, als wären sie Glieder eines einzigen Körpers. Ihr Äußeres, eine schimmernde Mischung aus Kalk und Korallen, glitzerten im fahlen Licht des Tages – weder Rüstung noch Haut, sondern beides zugleich. Sie sprachen nicht. Stattdessen sandten sie eine Welle von Wärme durch seinen Geist, eine lautlose Begrüßung, die Volon durchdrang. Kein Befehl, keine Forderung – nur ein sanftes Willkommen, das ihn umfing wie das Sonnenlicht nach einem langen Winter. Ohne ein weiteres Zeichen setzten sie sich in Bewegung und Volon folgte. Sie führten ihn fort von den öden Weiten der Tundra, tiefer ins Landesinnere.

Wo bisher nur Frost und Stein regiert hatten, durchzogen nun kunstvoll angelegte Wasserläufe den Boden. Ihr klarer Schein brach das eintönige Grau, und zwischen ihnen spross fremdartiges Leben. Pflanzen, die Volon noch nie gesehen hatte, reckten sich aus der dunklen Erde. Einige von ihnen leuchteten schwach, pulsierend wie Atemzüge, während andere sich sanft neigten, wenn die Wesen sie berührten. „Wo immer wir leben,“ sprach schließlich einer der Rash’Nu – oder sprach er? War es ein Laut oder ein Gedanke, der sich in Volons Geist formte? – „verändert sich das Land. Unser Wesen durchdringt alles; es bereichert das Land und machen es fruchtbar. Selbst das Eismeer beginnt zu wachsen, wenn wir es betreten. Es ist nicht unser Ziel, zu herrschen – wir möchten das Gleichgewicht wahren und die Welt verbessern.“

Je weiter sie vordrangen, desto deutlicher erkannte Volon, dass die Rash’Nu das Land nicht nur bewohnten – sie kultivierten es. Nicht mit Eisen und Pflug, nicht mit Zwang oder Gewalt, sondern mit geduldiger, lautloser Arbeit, die sich so natürlich in die Landschaft fügte, als wäre sie schon immer Teil davon gewesen. Die weiten Ebenen der Tundra verwandelten sich in ein Mosaik aus Wasserbecken, in denen Algen wuchsen und Muscheln heranreiften. Das tiefe, dunkle Grün der schimmernden Gewächse bewegte sich mit der Strömung und zwischen ihnen glitten leise Schatten hindurch – Fische, die in den geschützten Gewässern gediehen. Drohnen, die einfachsten und zahlreichsten Rash’Nu, bewegten sich in perfekter Harmonie zwischen den Becken. Ihre Gestalt waren schlicht und rau von kalkiger Beschaffenheit. Sie arbeiteten ohne Eile, aber auch ohne Unterbrechung. Ein Schwarm erntete das, was reif war, ein anderer säuberte die Becken, während ein dritter mit unaufhörlicher Beständigkeit das geformte Material forttrug.

Volon blieb stehen, ließ den Blick über die Szenerie schweifen. Hier gab es kein Jagen, kein Zwingen – nur ein stilles Kreislaufwerk aus Pflege und Entnahme, aus Gedeihen und Erneuern. Die Rash’Nu, die ihn begleiteten, schienen seine Gedanken zu spüren. Als sie einen Turm erreichten, der sich noch im Bau befand, blieb die Gruppe stehen. Der Sprecher der Rash’Nu wandte sich an Volon: „Unsere Bauweise ist ein Spiegel unserer Verbindung zur Natur,“ begann er. „Wir Rash’Nu erschaffen unsere Heimat nicht gegen die Umwelt, sondern in Harmonie mit ihr. Alles, was wir errichten, stammt aus uns selbst und kehrt zu uns zurück.“ Volon beobachtete die Drohnen, die am Turm arbeiteten. Ihre Bewegungen waren langsam, doch zielgerichtet.

Er sah, wie einige von ihnen ihre stabilen Hüllen aufbrachen, ihr weiches, schimmerndes Inneres enthüllten – und dann begannen, die halb zerfallene Struktur vor ihnen zu umfließen. Zuerst geschah nichts. Doch dann, als wäre ein leiser Befehl ergangen, begannen die alten Wände zu zerfallen. Das Material löste sich auf, verschwand in den Körpern der Rash’Nu, nur um wenige Meter weiter in neuer, geschmeidiger Form wieder abgesondert zu werden. Stein, der sich selbst verdaut, nur um sich neu zu formen. Ihre Existenzen glichen den Muscheln, die sie kultivierten – ausdruckslose, feste Schalen, die nur dazu dienten, ihr weiches Inneres zu schützen.

„Wir verwerten unsere Vergangenheit,“ fuhr der Sprecher fort. „Kein Teil einer Struktur wird verschwendet. Alles, was alt ist, wird verdaut, neu geordnet und mit neuen Nährstoffen angereichert. Die Gebäude wachsen organisch, jede Schicht erzählt die Geschichte derer, die sie einst geschaffen haben.“ Volon ließ den Blick über die aufragenden Türme schweifen, die in sanften, fließenden Formen aus dem Land wuchsen, als wären sie nicht gebaut, sondern gewachsen. Er betrachtete die Landschaft noch eine Weile bis sie weiter zogen.

Seine Begleiter führten Volon zu einer Klippe, von der aus er die Weite des Ozeans überblicken konnte. Ein kalter Wind wehte über das zerklüftete Eis, während unter ihm die Brandung gegen das Ufer schlug. Sein Blick wanderte über die Küste, über das aufgewühlte Wasser und die treibenden Eisschollen – bis er schließlich innehielt. Was er sah, raubte ihm den Atem.

Zwischen den Eismassen, wie aus dem Meer selbst emporgewachsen, erhob sich eine gigantische Struktur. Doch es war keine Stadt im herkömmlichen Sinne. Keine massiven Mauern, keine kalten Steintürme. Stattdessen lag vor ihm eine Symphonie aus Wachstum und Bewegung, aus Licht und Wasser. Hohe, kunstvoll geschwungene Türme aus Korallen und Kalk ragten in den Himmel, durchzogen von feinen Adern, die im Inneren sanft schimmerten. Manche Strukturen waren filigran, mit feinen Mustern, die an Muschelschalen oder verzweigte Korallenäste erinnerten, während andere wie uralte Riffblöcke wirkten – massiv, tief im Meer verwurzelt und doch von einer anmutigen Eleganz. Kein Bauwerk stand isoliert, keines wirkte fremd oder erzwungen. Sie alle schienen aus der Tiefe gewachsen zu sein, als hätte der Ozean selbst sie geformt.

„Dies ist Rash’Sul.“, erklang es in Volons Geist. „Die Korallen, die Kalkbauten – sie wachsen durch die Essenz der Königin. Unsere Heimat ist nicht gebaut, sondern geboren. Jede Halle, jede Brücke, jeder Turm trägt den Willen der Königin in sich. Ihre Präsenz ist in jeder Mauer und unter jedem Schritt im Boden zu finden. Die Stadt heißt nicht nur wie die Königin Rash’Sul, sondern die ganze Stadt ist die Königin.“

Volon war sprachlos. Die Stadt war nicht nur ein Ort des Lebens – sie war ein Wesen, ein atmendes, wachsendes Gefüge, untrennbar mit den Rash’Nu verbunden. Als er seinen Blick weiter schweifen ließ, bemerkte er die Felder aus wogendem Seegras, die sich um die Stadt erstreckten. In den klaren, blauen Wassern tummelten sich dutzende Schwärme von Fischen, während Algen sanft im Rhythmus der Strömung schwebten. Selbst das Meerwasser um Rash’Sul schien reiner, lebendiger zu sein als anderswo.

„Unsere Anwesenheit nährt die Meere,“ erklärte ein anderer Rash’Nu. „Die Substanzen, die wir ausscheiden, schaffen nicht nur Strukturen. Sie bereichern das Wasser mit Nährstoffen, die Algen, Korallen und Meereslebewesen gedeihen lassen. Indem wir leben, reparieren wir die Schäden, die die Zeit und der Aschenebel dem Meer zugefügt haben.“

Volon verstand. Die Rash’Nu waren nicht nur Baumeister, nicht nur Wächter ihrer Städte. Sie waren ein Teil des Meeres, wie das Meer ein Teil von ihnen war. Es war ein Kreislauf, ein symbiotisches Gleichgewicht, das in jeder Bewegung ihrer Körper, in jeder Faser ihrer Existenz zum Ausdruck kam.

Nach einer Weile stellte er die Frage, die ihm schon seit ihrer Ankunft auf der Zunge lag. Warum? Warum diese tiefe Verbundenheit? Die Antwort kam nicht von einem Einzelnen. Sie kam von der ganzen Gruppe, in einem Gedanken, der in perfekter Einheit durch seinen Geist floss: „Wir sind ein Teil des Ganzen, und das Ganze ist ein Teil von uns. Durch unsere Präsenz bewahren wir das Leben, und durch das Leben bewahren wir uns selbst. Alles ist eins.“

Lange stand Volon da, den Blick auf die Stadt gerichtet, während die Worte in ihm nachklangen.

Vermittelt durch Cora’Mythral, das Bewusstsein der Diplomatie

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