Seid gegrüßt, oh ihr Völker! Mit Billigung des Senats von Prachtfall teile ich eine Sage, die wir Aschlinge unseren Nachkommen seit Generationen erzählen. Möge sie auch Euch eine Lehre sein! Möge Weisheit und Verständigung wachsen…
Einst lebte ein Weibling von außergewöhnlicher Schönheit und Gestalt. Viele suchten ihre Gunst und überhäuften sie mit Gaben sodass ihr jedes Leid erspart ward. Geblendet von ihrem eigenen Aussehen betrachtete sie sich unablässig in einem Spiegel aus schwarzen Silber. Sie ließ Statuen und Masken fertigen, auf dass ihr Antlitz niemals dem Verfall anheimfalle. Über Trauer und Wehklagen anderer aber lachte sie nur, denn ihr Herz war eitel und hässlich und voll des Hochmuts.
Da wurden die Ahnen, die über unser aller Schicksale wachen, zornig. Der letzte Ethnarch, der vom Tode aus über die Aschlinge wacht, sandte seinen Schatten nach Ihr aus. Eines Nachts, als sich das Weib in einem Tümpel betrachtete, da trat aus dem Aschenebel ein Geist und sprach mit Grabesstimme:
„Du, die du das Schicksal verlachst, sollst nun deinen gerechten Lohn empfangen:
Niemals wieder wird deinen Anblick Verehrung erfahren. Niemals wieder sollen deine Augen die Lebenden erblicken!“
Sogleich durchfuhr sie der böse Blick. Niedergeworfen von grausamen Schmerzen welkte ihre Schönheit vor ihren Augen: Da wurde ihr Gesicht von Narben überzogen und ihre weiche Haut wurde hart. Da fiel ihr das feines Haar aus wie ein Büschel faulendes Sumpfgras und ebenso die Zähne. Da krümmte sich ihr Körper, einst aufrecht und stattlich, auf dass sie immerdar bucklig und kriechen sollte. Da verdrehten sich ihre Glieder, einst zart und leicht, und Neue sprossen aus ihrer Seite hervor wie bei einem Krabbeltier.
Auf diese Weise ewig entstellt und verflucht, kehrte sie jammervoll scheiend und rasend vor Zorn zu ihrem Volk zurück. Ihre Verehrer und ihre Familie eilte herbei ihr zu Hilfe. Doch als sie ihr in die Augen blickten, da erstarrten sie wie Stein und zerfiele wie Asche. Wer das sah, war außer sich vor Furcht und verbarg sich eilig. Alle mieden sie nun und niemand wagte, ihren einstigen Namen erneut zu flüstern.
Und so wurde aus der Schönen und Stolzen die jämmerliche und bösartige Kreatur Todblick, der sowohl das Leben als auch der Tod verwehrt ist. Man sagt, sie wandle noch immer in den dunkelsten Tiefen der Katakomben unter Prachtfall umher. Dort sinnt sie auf Rache gegen die Aschlinge und die Ahnen, die sie verstoßen haben.
Hüte dich also zu tief hinabzusteigen und vor ihrem klagenden Gesang, mit dem sie dich in den Tod locken will.
Und hüte dich vor eitlem Stolz: Wahrhaft abstoßend macht dich dein Herz, nicht aber das, was das Auge erkennen kann…
Beglaubigt durch Matriarchin Schuppenhaut aus der Sippe der Dunkeltaucher, Stimme der Hoffnung
Verfasst gemäß ihrer Worte durch Schwarzauge aus der Sippe der Dunkeltaucher von den Schreibenden