Die Ntal‘Hrom haben dazu aufgerufen, sich mit der Rolle von Mythen und Geschichten der Völker näher auseinanderzusetzen. In den Reihen meines Volkes gibt es zwei Gruppierungen, die um die Deutungshoheit streiten wie die Schakale um das Aas. Sie sind zu sehr mit sich beschäftigt und werden nicht antworten. Arinai’Tor aber, mit der ich seit wenigen Mondläufen ziehe, glaubt, dass diese Frage wichtig ist, was die Beziehung zu anderen Völkern angeht. Verzeiht meine einfache Sprache – ich bin Tāri’Vera, ich kämpfe mit Leder, Knochen und Stein, nicht mit Worten. Gerüchte von einer Niederlage des Kiran’Sol machen die Runde, und nur ein Krieger kann den Schmerz nachfühlen, den seine Klage verrät. Doch ebenso erreicht uns eine Geschichte, die uns bisher nicht erzählt wurde, die von Lunai’Arai’Mana vor vielen Mondläufen verfasst und dann nicht für wert befunden wurde, weiter erzählt zu werden. Arinai’Tor hat dafür Sorge getragen, dass Ihr sie in diesem Buch lesen könnt. In dieser Geschichte gibt Kiran’Sol Flüchtlingen aus der Hauptstadt neue Hoffnung und eine neue Heimat.
Aus Sicht der Ältesten und der Mehrheit unseres Volkes sind Ge-schichten wie andere Kunstformen vor allem ein Mittel um die Blüte und Herrlichkeit unseres Reichs zu preisen. Dazu schildern sie Nachprüfbares – mit derselben eisernen Disziplin, mit der unsere Krieger den Nebelgeistern ein Ende bereiten. Der einzige andere Grund für eine Geschichte ist, dass in ihr älteste Traditionen bewahrt werden, Erzählungen über die Götter und Geister, die uns schufen und bewahren. Wenn Geschichtenerzähler aber, statt diesem Ziel zu folgen, eigene Ziele in die Handlung einbauen, um die Jugend und die Leichtgläubigen ihnen das Wasser tragen zu lassen, entstehen Geschichten, die abzulehnen sind. Durch dieses Tun spalten sie die Einigkeit, mit der unser Volk hinter den Ältesten steht, weil sie Geschichten als Mittel der Macht missbrauchen.
In der Geschichte um Shānti’Arai geht es um Kiran’Sol, den beinahe Abtrünnigen, der sich den Befehlen der Ältesten, Berichte zu schreiben, verweigert. Um Kiran’Sol, dessen Loyalität zur Hauptstadt in Frage steht. Kiran’Sol, der in irgendeiner Randprovinz blutigen Streit mit den Wüstenelfen gesucht und verloren hat. Doch was tun die Geschichtenerzähler, statt ihn an seine Pflichten zu erinnern? Sie preisen seine Güte und Hilfsbereitschaft, während seine freigiebig geteilten Güter in der Hauptstadt mehr gebraucht würden und sein Beispiel die Tāri’Māna untergräbt. Grund genug, die Verbreitung der Geschichte unter Strafe zu stellen – Grund genug, um dem Erzähler Sand in den Rachen zu gießen, damit er uns nicht weiter schadet.
So dachte ich jedenfalls bis vor Kurzem. Doch im Schatten von Arinai’Tor findent sich sehr verschiedene Vertreter unseres Volkes, und in ihrem Gefolge raufen sich Anhänger der Geschichtenerzähler und der Ältesten zusammen, weil sie jeden züchtigt, der wegen dieser Feindschaft Zwietracht in ihre Truppe bringt. Und so kam es, dass ich auch die andere Seite kennen lernte:
Ebenso wie die Ältesten berufen sich die Geschichtenerzähler auf ihre Pflicht, die Legenden und Traditionen zu bewahren. Sie sehen jedoch eine Sache anders als die Ältesten: Sie glauben, dass jede Tradition ihren Anfang in einer Geschichte nimmt, und dass zu jeder Zeit eine neue Tradition entstehen kann. Nur, wenn auch diese neuen Traditionen in die erzählten Geschichten eingehen, werden auch sie bewahrt – selbst, wenn die Tradition gerade erst geboren wird. Die Ältesten werfen ihnen vor, auf diese Weise zu manipulieren, doch erscheint es mir inzwischen möglich, dass sie einem höheren Ziel folgen. Oder das zumindest glauben – ganz überzeugt bin ich nämlich noch nicht.
Wem ich hingegen glaube: Arinai’Tor. Ihr Weg, den Streithähnen gerade soviel Ehrerbietung und Gehorsam zu leisten, dass sie uns unsere Freiheit lassen und uns nicht zwingen, uns gegen Brüder und Schwestern zu wenden, ist für mich wahre Weisheit. Warum, frage ich, erzählt niemand diese Geschichte? Und zu was macht mich das nun? Ich fordere, eine Geschichte zu erzählen, die nicht altehrwürdig ist, und die den Ältesten sicher nicht gefällt. Ich freue mich, von Kiran’Sols Güte zu hören, auch wenn ich selbst schon Geschichtenerzähler aus der Hauptstadt getrieben habe, die davon berichten wollten. Bin ich nun auf dem gefährlichen Weg, mich von den Ältesten abzuwenden?
Im Kampf mit den Nebelgeistern jedenfalls habe ich gesehen, dass ihre Worte wahr und gleichzeitig unwahr sind. Die Geister sind keine größere Bedrohung als die Wüste selbst. Und doch sind sie und der Aschenebel unnatürlich – das weiß ich, seit ich ihnen gegenüberstand. Sind das nicht auch neue Geschichten, die erzählt werden? Sollen nicht auch diese Geschichten den Lauf der Dinge nicht nur beschreiben, sondern beeinflussen? Ich weiß es nicht, und wie mir geht es vielen unseres Volkes. Doch eines ist sicher:
Geschichten, Mythen und Legenden formen die Welt.
Tāri’K, aus der Schar der Arinai’Tor