Der verschwundene Gott

Es begann in der Stadt Kraxlingen mit einem ungewöhnlichen Anblick:

Ein Amtsgebäude war offen.
Für alle.
Ohne Schlange.

„Das ist nicht normal“, sagte Aelor Schimmerblatt misstrauisch, als ein kleiner Gnom fröhlich aus dem Rathaus spazierte.
Unter dem Arm zwei genehmigten Bauanträge und einen kostenlosen Parkausweis.

„Vielleicht arbeiten die Beamten hier einfach besser als sonst“, murmelte Borin Eisenfaust.
„Vielleicht haben sie endlich das System verstanden?“

Ein Eichhörnchen spazierte seelenruhig mit einem handschriftlich ausgestellten Fischereischein vorbei.

„Nein“, sagte Aelor. „Irgendetwas ist fundamental kaputt.“

Kurz darauf wurden sie vom Oberverwalter höchstpersönlich gebeten, das „kleine Problem“ zu untersuchen.

„Alles funktioniert… zu gut“, sagte der Mann zitternd. „Die Menschen fangen an, ohne Anträge Dinge zu tun! Sie … organisieren sich selbst!“

„Ist das nicht… gut?“ fragte Borin.

Der Oberverwalter sah ihn an wie einen Mann, der gerade vorschlägt, die Welt in Brotteig zu wickeln.

„Der Gott der Ordnung ist verschwunden“, flüsterte er. „Sein heiliges Siegel hat aufgehört zu stempeln. Niemand weiß, wo er ist. Und ohne ihn … bricht alles zusammen.“

„Bisher klingt das für mich nach einem Urlaub mit Extra-Vorteilen“, sagte Borin.

„Und für mich nach dem Vorabend der Apokalypse“, murmelte Aelor.

Die Spur führte sie zum „Archiv der Allordnung“. Ein unterirdisches Labyrinth aus Regalen, Formularen und … lebenden Büroklammern.

„Willkommen im Archiv“, sagte ein monotones magisches Hologramm. „Wie kann ich ihre Sinnsuche heute unterstützen?“

„Wo ist euer Chef?“ fragte Borin.
„Letzter bekannter Aufenthaltsort: Tempel der Routine, östlich von Hier.“
„Wie weit östlich?“
„Ja.“
„Was zur Hölle heißt ja?!“
„Standardantwort auf mehrdeutige Positionsanfragen.“
„Ich hasse dieses Archiv“, murmelte Borin.

Der Tempel war ein Ort voller tickender Uhren, rotierender Kalenderblätter und Mönche, die im Takt der Stechuhr beteten. Doch der Altar war leer. Stattdessen fanden sie … einen Zettel.

„Bin weg. Brauche Abstand. Kommt alleine klar. Gruß: GO“

Aelor starrte ihn an. „Der Gott der Ordnung hat sich mit einem Zettel abgemeldet?“

„Er ist halt effizient“, sagte Borin.

Ein junger Mönch trat zu ihnen. „Der Gott sprach von … Burnout. Von zu viel Ordnung. Zu viel Verantwortung. Er murmelte etwas von „Papierstau im Herzen“ und ging.“

„Und wohin?“ fragte Aelor.
„Er erwähnte einen Ort … wo niemand plant.“

Borin runzelte die Stirn. „Ein Ort ohne Pläne?
Klingt wie … das Sommerfestival von Faulensee!“

Faulensee war ein Ort ohne Regeln. Keine Zeiten, keine Listen, kein Takt.

Die Leute aßen, wann sie wollten.
Sie tanzten zu Musik, die gar nicht spielte.
Und mittendrin saß er: Ein älterer, bärtiger Mann in perfektem Anzug, gemütlich, in einer Hängematte.

„Ich bin nicht da“, sagte er, ohne die Augen zu öffnen.

„Du bist der Gott der Ordnung“, sagte Aelor.
„Bin ich nicht.“
„Doch.“
„Woher wollt ihr das wissen?“
Borin trat vor. „Du hast ein Hemd, das nach Formular riecht.“
Der Mann seufzte. „Verdammt.“

„Alles stürzt ins Chaos“, sagte Aelor. „Du musst zurück.“

„Ich will nicht zurück“, murmelte der Gott.
„Weißt du, wie viele Anträge ich täglich bearbeite? Selbst Götter haben keine Überstundenregelung!“

„Komm schon, ist doch alles halb so wild“, sagte Borin. „Ohne dich regeln sich Dinge sogar ganz gut! Die Leute helfen sich gegenseitig. Keiner füllt sinnlose Formulare aus.“

„Das ist das Problem!“ keuchte der Gott. „Sie helfen sich! Ohne Struktur! Ohne Stempel!“

Aelor dachte kurz nach. Dann lächelte er.
„Wenn du nicht zurückgehst, wird jemand anderes deinen Platz einnehmen.“

„Waaas?! Wer?!“

„Niemand weiß es. Vielleicht … ein Improvisationsgott. Oder noch schlimmer… ein Kreativitätsgott.“

Der Gott zuckte zusammen. „Nicht der… nicht Yolozar, der Gott der Spontanität?!“

„Mit Flipflops und Ukulele“, sagte Borin düster.

Kurz darauf saß der Gott der Ordnung wieder auf seinem Thron, stempelte Formulare mit neuer Energie und strich das „Urlaubsrecht für göttliche Beamte“ aus allen Regelwerken.

„Ihr habt mir geholfen. Als Dank: Je ein Wunsch.“

Aelor überlegte. „Ich möchte, dass meine Steuern dauerhaft korrekt berechnet werden.“
„Erledigt.“
Borin grinste. „Ich will nie wieder ein Formular ausfüllen.“
„Erledigt. Aber du musst jedes unterschreiben, das Aelor einreicht.“
„Verdammte Bürokratie!“ rief Borin.
„Willkommen im Leben“, sagte Aelor.

… und irgendwo, in einem fernen Dorf, starrte ein Eichhörnchen auf seinen ungültigen Fischereischein.

So berichtet von dem Halbling Bolbi Bitterberg
Herumtreiber & Geschichtenerzähler

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