aufgezeichnet von Ondrej, Händler aus den Nebelwäldern
Ich, Ondrej, reiste mit meinen Waren nach Vel’ki Vladogorsk, einmal, um Handel zu treiben, aber ebenfalls weil die Gerüchte von Krieg nicht mehr zu überhören waren. In den Nebelwäldern hatte man nur geflüstert: Überfälle im Vostochnye Krai, verschollene Kundschafter, und das fremdartige Volk der Mykna mit ihrem „Geflecht“, das wie ein Pilz alles verschlingt. Doch erst hier, im Herzen des Reiches, begriff ich, wie sehr aus Gerüchten bereits Gewissheit geworden war.
Der neue Tempel Zhirnitskrads ragte über die Werkstätten, Minen und Manufakturen von Vel’ki Vladogorsk auf wie ein schwarzer Zahn, rauchend über den Schloten der Stadt. Schon aus weiter Ferne sah ich die Flamme an seiner Spitze – sie loderte so hell, dass selbst die Sonne in den Schatten gestellt schien. Als ich die große Treppe zum Hauptportal hinaufstieg, pochte mein Herz. Die glühenden Bronzetüren öffneten sich langsam und ich musste meinen ganzen Mut zusammennehmen, um durch die sengende Hitze hineinzutreten.
Drinnen war alles größer und überwältigender, als ich es mir je hätte träumen lassen. Aus Feuerschalen spien Funken gen Himmel, der metallene Boden glänzte von den unzähligen Stiefeln, die ihn poliert hatten. Über allem hing der Geruch nach Öl und verbranntem Uglon. Menschenmengen drängten sich in die Halle, doch keiner wagte ein Wort zu viel. Alle Augen waren auf den Altar gerichtet, wo das Herzfeuer brannte. Es fraß, was die Priester ihm gaben: Holz, Öl, Uglon, Erz. Mit jeder Opfergabe stiegen die Flammen brüllend auf, und die Menge zuckte zurück, als sei Zhirnitskrad selbst im Feuer manifest geworden.
Dann trat Ugroz Velki vor das Herzfeuer. Er trat mit starkem Schritt zwischen den Priestern hervor, das Licht der Flammen spiegelte sich auf seiner Krone. Ich erblickte sein Gesicht: härter als das letzte Mal, dass ich ihn erblickt hatte, unerschütterlich, von jenem Feuer erfüllt, das ihn größer wirken ließ als jeden anderen Mann. Er hob die Hand, und die Halle verstummte.
Ugroz Velki trat vor den Schmelzaltar, die Flammen warfen rote Schatten auf sein Gesicht. Er wartete, bis das Brausen des Feuers und das Raunen der Menge verstummt waren. Dann sprach er, langsam, mit schwerem Gewicht in jedem Wort:
„Vila! Ihr habt gehört von jenen, die sich Mykna nennen – und doch sind sie kein Volk wie wir. Sie sind nicht frei. Sie sind nicht Herren ihres Willens. Denn in ihnen wuchert das Geflecht, ein faulendes Netz aus Pilzen und Fäden, das in ihre Körper wächst, in ihre Seelen kriecht, bis nichts mehr bleibt, was eigen ist.
Das Geflecht flüstert ihnen zu, und sie nennen es Stimme. Doch es ist keine Stimme – es ist ein Zwang, ein Strick, der das Leben erwürgt. Was sich in ihm verfängt, wird Teil von ihm. Nichts entkommt, nichts bleibt unberührt. So breiten sie sich aus wie Moder im Holz, wie Schimmel im Brot, und nennen es Einheit.
Wir aber wissen: Einheit ohne Freiheit ist Fäulnis. Das Geflecht verspricht Schutz, doch es nährt sich nur von dem, was es verschlingt. Die Mykna sprechen vom Wachsen in die Sterne – doch sie wachsen wie ein Gift, das alles vergiftet, was es berührt. Und schon haben sie unsere Grenze im Vostochnye Krai geschändet.“
Er machte eine Pause. Das Feuer fauchte, als die Priester neues Uglon in die Schale warfen. Ugroz’ Stimme wurde lauter, fester, getragen vom Echo der Halle:
„Volk der Vila,“ begann er, seine Stimme rollte wie Donner zwischen den Mauern, „unsere Getreue, Razvechnik Mislava Dragovna, hat ihr Leben gegeben, um das Geheimnis unserer Feinde zu ergründen. Ihre Leiche blieb im Geflecht, das Reich Fahlhain verschlang sie. Das Geflecht nährt sich von allem, was lebt. Es nimmt, es verdirbt, es löscht den Willen – und nennt es Gemeinschaft.“
Ugroz’ Stimme wurde lauter, schneidender: „Sie wühlen im Osten des Reichs, sie wachsen wie Fäulnis in den Wurzeln eines Baumes. Was sie berühren, das verfällt. Sie haben unser Land geschändet, die Unsrigen erschlagen.
Die Priester warfen Uglon ins Feuer, das mit einem Fauchen lichterloh aufstieg. Das Volk rief, einige schrien, manche weinten – doch alle hoben die Fäuste, als Ugroz rief:
„Dies, Vila, ist kein Krieg um Land. Es ist ein Krieg um unser Sein. Denn wo das Geflecht wuchert, da bleibt kein Reich, keine Freiheit, kein Gott. Darum werden wir es stoppen. Unsere Generäle sammeln die Truppen im Reich. Unsere Technologen stehen bereit, ein Gegenmittel gegen das Geflecht zu suchen. Und wenn wir keines finden, werden wir es verbrennen, wohin es auch seine Fäule ausbreitet.“
Das Herzfeuer stieg so hoch, dass ich schwören könnte, es rührte die Decke an. Der Gott selbst schien durch die Flammen zu schauen. Ich stand da, ein Fremder aus einem kleinen Dorf am Rande der Nebelwälder, und fühlte, wie mich das Feuer packte. Es war nicht nur Hitze – es war ein Wille, der einte und mich bis in ins Mark berührte.
Die Krieger in ihren neuen schweren Rüstungen schworen den Aschenschwur, indem sie ihre Klingen in die Flammen hielten, bis sie glühten im Feuer des Gottes.
Es herrschte Krieg.
Ein gerechter Krieg.