Hört, oh Kinder der Gemeinschaft, eine neue Geschichte, die von den uralten Gewalten Darshivas und dem Ort erzählt, wo ihre Herzen im Einklang schlagen. Eine Geschichte, die uns lehrt, dass selbst im kargsten Land der Glaube wie eine Oase erblühen kann, genährt von den tiefsten Quellen unserer Welt. Eine Geschichte von Einheit, in einer Zeit, in der die Sāndari zu zerreißen droht und Shān nur noch ein Wunschtraum statt einer Gewissheit ist.
Doch lasst mich die Geschichte mit dem Ei, nicht mit dem Echsenleder beginnen – nicht mit der Geschichte vom Werden unserer Welt, keine Sorge. Diese Geschichte ist zur Genüge erzählt. Nein, ich rede von der Entdeckung eines besonderen Ortes durch Kiran’Sol, den Strahl des Lichts, der Hoffnung und ein Ziel bringt. Dieser folgte einst dem launischen Ruf des Vetter Winds hoch hinauf in das gewaltige Gebirge Arai’Shan, dessen Gipfel in die Wolken stachen. Auch davon erzählte ich bereits: Beschwerlich war der Weg, und mehr als einmal löste sich das Geröll unter seinen Füßen. Doch Vetter Wind, der schelmische Gott, war ihm hold und führte ihn sicher über steile Pfade. Dort oben, auf einem Plateau über der Wolkendecke, wo der Wind in seiner Ruhelosigkeit keine Richtung mehr verfolgte, sondern lustig in alle Richtungen umher spielte, spürte Kiran’Sol die unsichtbare, doch umso mehr fühlbare Präsenz des Windgottes. Ehrfürchtig in dieser spürbaren Präsenz legte er den Grundstein für einen Schrein, einen Ort der Verehrung für Vetter Wind.
Die Mondläufe zogen ins Land, und während Älteste und Geschichtenerzähler ihren Streit begannen, ging Kiran’Sols Saat auf. Denn der Ort, den er entdeckt hatte, war wie ein Herzschlag der Welt selbst, wo die Kräfte, die Darshiva formten, sich in einer seltenen Harmonie versammelten:
Jeden Morgen goss Vater Sonne, Rih’Sol, seine Strahlen mit ungeminderter Kraft auf die nackten Felsen des Arai’Shan. Es war ein glühender Segen, der das Land mit Leben erfüllte und allen Wanderern den Weg wies. Sein Licht war dort oben reiner, sein Schein ungetrübter als anderswo, ein wahres Antlitz von Vater Sonne, der Leben spendende Wärme schenkt. Und wenn Ina’Rai, Mutter Donner, ihren Zorn über die Welt ausgoss oder ihre Mahnungen durch die Lüfte sandte, erzitterte das Gebirge, das über dem „Fuß der Himmelsstiege“, das über Lunai’Kareth aufragte. Der gewaltige Donnerschlag, der einst die Sippen in Shānti’Kāla vereinte, schien hier, am Ursprung ihrer Macht, seine reinste Form zu finden – ein Echo ihrer schützenden Präsenz, die die Welt und ihre Bewohner verteidigt. Doch über allem war die Gegenwart des Windgottes Arai spürbar, der hier in jede Faser griff und jedes Gewand zu einem Segel blähte. An diesem Ort, wo Wind und Sonne sich mit Donner trafen und ihre ewigen Geschichten webten, wurde die Präsenz des Göttlichen nahezu greifbar. Die Sāndari’Māna, die hier lebten, verstanden, dass die Götter nicht ferne waren, sondern ihre Präsenz in jeder Facette des Landes spürbar war. Hier, am Treffpunkt dieser mächtigen Gewalten, konnte der Glaube wieder erstarken. Und so wurde der einfache Schrein Stein für Stein, den ein Gläubiger bei seinem Besuch auftürmte, zu einem Tempel, in dem neben Vetter Wind auch der Wassergeist Kāla’Arai verehrt wurde, da dessen heilige Quelle unweit des Plateaus entsprang.
Auch Rih’Sol und Ina’Rai wurden geehrt, wie auch Großvater Sand, der doch sonst in der Arai’Mana’Dun, in SEINER Stadt besondere Ehren erfuhr, doch waren die verspielten Gefährten Wind und Wasser diejenigen, denen hier auf dem Gipfel die meiste Verehrung galt. Bald schon folgten besonders empfängliche Sāndari’Māna aus dem ganzen Reich dem Ruf der Wanderschaft und brachen auf, um den neu erstandenen Tempel mit einen Augen zu sehen, um die Gegenwart der beiden großen Geister selbst zu fühlen. Man erzählt sich gar, dass unter ihnen Sendboten der Ältesten und der Geschichtenerzähler seien, die die Geburt einer neuen Macht in der Sāndari argwöhnen.
Welche Rolle werden die großen Geister, werden die Deuter ihres Willens, werden die Künder ihrer Gebote spielen? Wir wissen es nicht, doch wird es zum Besten der Sāndari sein!
Lunai’Arai’Mana, Geschichtenerzählerin der Sāndari’Māna, neuzeitlich
– veröffentlicht im 34. ML nz. –