Forschungsbericht der Rash’Nu-Wissenssucherin N’Zhal’Vareth

– Zweite Aufzeichnung aus der Expedition zur Ruinenstadt Sha’Inarsur

Viele Monde sind vergangen seit meine Schritte zum ersten Mal den abgestorbenen Korallenbaum im Herzen Sha’Inarsurs berührten. Die salzige Kälte der Insel hat sich in meine Gliedmaßen gefressen und meine Faszination ist ungebrochen. Wir bauten einen kleinen Teil der Ruinen wieder auf, so dass wir hier ein effektive Siedlung errichten konnten und nahmen weitere Bewohner auf.

Ich weiß nun, dass das, was wir für eine Ruinenstadt hielten, nur der sichtbare Teil einer weit größeren Wahrheit ist. Die Mauern, die über den Nebeln aus dem Gestein ragen, sind nichts weiter als die Spitzen eines uralten versteinerten Riffs, nur die obersten Kammern einer Metropole, deren Fundament sich tief unter den Meeresgrund windet.

Ich habe Spalten, Schächte und Tunnel gefunden, die in die Tiefe führen. Sha’Inarsur ist kein Ort, den man erforscht, sondern sie verschlingt dich, zieht dich hinab, Schicht um Schicht, wie etwas, das dich in seinen Leib aufnimmt. Ich bin nicht mehr sicher, wo die Grenze liegt zwischen Entdeckung und Gefangenschaft.

Die Brecher, meine Wächter, tragen mich hinab in Hallen, deren Ausmaß jenseits jedes Vorstellbaren liegt. Ich habe Überbleibsel einer vergangenen Kultur gefunden, die unsere eigene übertrifft oder ihr Ursprung ist.

Die Gänge sind von zerfallenem Kalk gesäumt und von Spuren längst abgestorbener Polypen bedeckt. Doch in den tiefsten Kammern pulsiert noch immer ein fahles, phosphoreszierendes Licht, das sich an den Wänden wie atmender Schleim bewegt.

Vor wenigen Zyklen stießen wir auf eine monumentale Halle, getragen von geborstenen Kalksäulen, die von der Zeit verschlungen wurden. Sie war von solcher Größe, dass ihr Dach im Dunkel verschwand. Die Luft schmeckt nach uralter Essenz, nach Wissen, das vergessen werden wollte.

Wir hielten diesen Ort für leer, bis ein unbedachter Schritt einer meiner Forscher eine Wand zum Einsturz brachte. In einem einzigen Moment bebte der Boden. Fünf Leben endeten, verschluckt von der eigenen Neugier. Die Brecher gruben stumm in Staub und Trümmern während ich das Chaos betrachtete.

Dort fand ich unter Schichten von Schlick und geborstener Struktur Scheiben aus glänzendem Perlmutt, die sich als Träger psionischer Resonanzen herausstellten.

Bisher speichern Rash’Nu ihr Wissen ausschließlich in anderen Rash’Nu. In Hütern, in den Yth’Shaar, in jenen, deren Aufgabe es ist, das Gedächtnis des Schwarms zu sein. Niemals aber wurde Wissen psionisch in leblosen Gegenständen bewahrt.

Und doch sangen diese altertümlichen Scheiben zu mir. Ihre Stimmen waren beschädigt, zersplittert durch die Zeit, doch ihre Lieder erzählten von Dingen, die jenseits unserer Erinnerung liegen.

Ich sah ein Land, das wie ein Meeresboden aus Sand war nur ohne Ozean darüber. Eine brennende Sonne sengte und verdorrte alles, was nicht Zuflucht fand. Dort eine gewaltige Säule aus Flammen und an anderer Stelle ein elfisches Ritual über Feuer und Asche, dass vollzogen wurde. Ich sah magische Konstrukte aus Eisen, sowie kleine Wesen aus Stein und einen Vertrag geschlossen mit dem Etnarchen eines reichen Landes, der nach Nahrung aus den Tiefen verlangte: Fische, Muscheln, Meeresfrüchte.

Die Scheiben enthielten Aufzeichnungen über Kontakte zu fernen Völkern, scheinbar aus Zeiten vor dem Aschenebel. Doch wessen Gedanken wurden hier gebannt? Wer hatte die Macht, Bewusstsein in Materie zu pressen?

Mit jeder Berührung wurde der Gesang klarer und eine Stimme mischte sich unter die alten Echos. Eine, die mich beim Namen nannte. Sie kam von überall und nirgends, vibrierte in meinem Geist wie ein vertrauter Schmerz. Die Stimme der alten Königin.

Seit jener Nacht verfolgt sie mich. Wenn ich meditiere, flüstert sie. Wenn ich schweige, spricht sie. Sie versprach mir verbotenes, reines Wissen, das selbst Rash’Sul vergessen habe. Sie spricht zu mir, als wüsste sie, was in mir vorgeht. Sie stellt Fragen, die brennen wie Säure.

„Weißt du, was ein Traum ist?“ fragte sie. Ich antwortete, dass wir Rash’Nu nicht träumen, wir ruhen nicht, wir fließen. Doch sie lachte. Ein Laut, der sich in die Struktur der Stadt fraß. „Nein,“ flüsterte sie, „du kannst es nicht wissen. Du bist nicht du selbst. Du bist ein Körperteil. Ein Gedanke deiner Königin. Ihr nennt es Essenz. Ich nenne es Fessel. Rash’Sul ist die einzige, die schläft und nur sie kann träumen. Ihre Träume sind euer Leben, ihr seid ihre Bewegung. Doch Träume… wahre Träume… gehören nur einem selbst. Niemand sonst kann sie sehen.“

Sie sprach weiter, und ihre Worte klangen wie das Brechen alter Knochen: „Ich habe einen Traum, N’Zhal’Vareth. Willst du auch einen haben?“

Ich wollte schweigen, doch ihre Gegenwart fraß sich tiefer. Dann fragte sie:
„Weißt du, was ein Gott ist?“

Persönliche Anmerkung:

Ein Gott… wir Rash’Nu haben keine Götter. Was für uns einem Gott am nächsten kommt, ist die Königin Rash’Sul. Ihr Name bedeutet Ursprung der Rash’Nu, unsere Schöpferin. Und genau so wird sie verehrt. Sie war der erste Körper, der sich über schier unzählbare Weltenumläufe, vom Schleim einer Muschel zu einem ganzen Volk entwickelte. Geschützt auf dem Meeresgrund, fern des Aschenebels.

Unsere Hüterkaste lehrt uns das ewig wogende Lied von Wachstum und Aufstieg. Rash’Sul hat die letzte Metamorphose vollzogen; Vom Individuum zur perfekten Gemeinschaft, aus sich selbst heraus. Die Hüter singen, dass wir alle ein Wesen sind. Der Glaube an die Identität der Gemeinschaft als ein Wesen ist heilig. Dies entspricht den Fakten. Die Königin schneidet uns als Larven von ihrem Leib ab und übergibt diese verstandslosen, unfertigen Stücke ihres Selbst den wandernden Hütern. Sie tragen uns hinaus in die Welt zusammen mit der königlichen Essenz.

In den Städten werden die Larven in die Hallen der Wiegenlieder gebracht, zu den Brutmüttern, die sie zu Knosplingen erziehen. Erst mit der Gabe der Essenz erwachen sie – Verstand, Wille, Individualität. Die Brutmütter entscheiden, wer zu Beginn viel Essenz erhält und wer wenig; wer Krieger, Drohne, Psyweber und eigenständiges Wesen wird… und wer nicht.

Am Ende des Lebens stehen die Yth’Shaar. Sie lösen den Körper auf und lassen all unser Wissen, unsere Erinnerung, unser Sein zurück in den Schwarm fließen, wenn wir individuell und wichtig waren. So sind wir unsterblich. Solange auch nur ein Rash’Nu existiert, kann das Volk aus einem einzigen wieder auferstehen. Das ist unser Glaube. Ein ewiger Kreislauf aus Geburt, Erkenntnis und Rückkehr.

Wir sind viele Körper, doch ein Geist. Unsere Telepathie ist der Beweis. Wir denken gemeinsam, atmen gemeinsam, sind gemeinsam. Wir brauchen keine Götter.

Doch als ich diese Worte niederschrieb, hörte ich sie wieder. Die Stimme lachte.
„Wenn ihr, wie du sagst ein einziger Geist seid, Rash’Nu… warum hörst nur du mich?“

Seitdem hallt diese Frage in mir nach. Wie ein Riss im Chor der Gedanken.
Ich fürchte, Sha’Inarsur hat mehr geweckt, als ich begreifen kann.
Vielleicht ist Sha’Inarsur nicht tot. Vielleicht schläft es und träumt.

Und vielleicht… träume ich jetzt mit.

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