Erklärungen der Völker der geeinten Kinder Artikas anlässlich der Kontroversen während des 3. Konventes der Dämmerung
Vorwort des großen Plenums
Das große Plenum forderte im Nachgang zum dritten Konvent der Dämmerung die Völker der geeinten Kinder Artikas auf, sich in Sachen Religionsfragen und Glaubensäußerungen im öffentlichen Raum zu äußern. Der Bericht des Abgeordneten Mux Fiddersag, Diplomat und Sprecher für das Große Plenum bei den Zusammenkünften der bekannten Reiche Darshivas, generierte eine enervierte Debatte. Unser Repräsentant illuminierte somit die Erfordernis eines klärenden Diskurses. Das gesteigerte Interesse der Reiche wurde demgemäß zum Anlass genommen, die bestehenden Übereinkünfte der Gründungs-Carta zu prüfen und im Bedarfsfalle die zu debattierenden Passagen zu besprechen.
Öffentliche Stellungnahme zum Ahnenkult der Zwerge Verlautbarung der Sprecher in Kulturfragen des Ältestenrats der Zwergenclans von Ligath Tureen
Im Namen der zwergischen Gemeinschaft von Ligath Tureen, tief verwurzelt in den in den Fels geschlagenen eisigen Hallen unserer uralten Gebirge, erklären wir mit Stolz, Bedacht und Nachdruck:
Die Bräuche und Glaubenswege, die unsere Ahnen uns hinterließen und die unser Tun seit Generationen leiten, sind ein heiliger Schatz unseres Volkes. Ihre Pflege, ihr Schutz und ihr Weiterleben obliegen allein uns Kindern des Steins. Was im Inneren der Bergheiligtümer geschieht, ist nicht für fremde Augen oder Ohren bestimmt.
Daher sehen wir, der Ältestenrat der zwergischen Gemeinschaft der geeinten Kinder Artikas, davon ab, weitere Auskünfte über den Ahnenkult oder unsere rituellen Gepflogenheiten zu geben. Möge diese Entscheidung als Ausdruck unseres Respekts gegenüber den Verstorbenen und ihrer ewigen Reise verstanden werden.
Statt vieler Worte lassen wir den angehängten öffentlichen Nachruf für die Gefallenen unseres Zwergenreiches Brüder im Geiste und Glauben, den Eiszwerge aus Nor‘Davara, in Form eines traditionellen Totengebetes, für sich sprechen. Es soll, soweit es uns möglich ist, Zeugnis ablegen von der Tiefe unseres Glaubens und der Stärke unserer Verbundenheit zu den Ahnen.
Im Stein verwurzelt! Im Herzen treu! Im Gedenken ewig!
Ehrengebet für die Toten:
Die Namen nennt nun kalter Stein,
sie sollen nicht vergessen sein.
Stark im Sturm – Stolz des Erz‘,
tapfer schlug ihr treues Herz.
Schwur uns’ren Ahnen –
Blut unter Mondenglanz.
Wir halten Treue stets:
Hoch – Schwert, Schild und Kranz!
Erklärung aus der Akademie zu Alineea durch den säkularen Ausschuss für Kultur, Riten und Obskuritätsforschung der Gletscherelfen von Ligath Tureen
Im Namen der Gletscherelfensippen lassen wir folgende einvernehmliche Erklärung durch die gewählten gletscherelfischen Ausschussangehörigen verlautbaren:
Wissen ist der höchste Wert! Erkenntnis der sicherste Weg. Alles, was nicht durch Beweis, Berechnung oder wiederholbare Beobachtung belegt ist, bleibt Spekulation – und hat in der Ordnung unserer Gesellschaft keinen Platz.
Glauben, in welcher Form auch immer, ist eine Abkehr vom Verstehen. Er bietet trügerische Antworten, wo noch Fragen gestellt werden müssten. Er ersetzt Ursache mit Hoffnung und Gesetzmäßigkeit mit Legende. In einer Welt, die aus Regeln besteht, können wir es uns nicht leisten, den Blick ins Ungewisse zu verharren.
Daher lehnen wir religiöse Lehren, göttliche Kulte oder ahnungsgeleitete Rituale entschieden ab. Unser Weg ist der der Wissenschaft, der Forschung und der stetigen Analyse der Welt, wie sie ist – nicht wie sie erträumt wird.
Sollte der Nachthimmel sich wandeln, die Gezeiten sich seltsam verhalten oder das Licht des Mondes ungewöhnlich hell auf gefrorene Pfade fallen – so sind dies bloße Naturphänomene. Zu erklären. Zu katalogisieren. Nicht zu verehren. Denn sie unterweisen uns – nicht das Ungreifbare!
Gletscherelfen beobachten, dokumentieren und ziehen Schlüsse. Wir betet nicht. Gestirne zeigen deutlich an.
Im Licht der Vernunft. Im Eis der Klarheit.
Ich muss nicht glauben, ich weiß oder frage!
Für den Ausschuss: Sylvawæ Wynthertrugg, Erste Wissensbewahrerin des säkularen Ausschuss für Kultur, Riten und Obskuritätsforschung der Akademie zu Alineea
Für die Schneemenschen
Glauben heißt für Schneemenschen fühlen und handeln. Wir haben Herzen. Große. Und wir machen Feuer, wenn jemand friert. Wir hören zu. Wir halten Hände.
Wir wissen: Wenn einer weint, ist das nicht Schwäche. Es ist echt. Wir wissen nicht, was richtig ist. Aber wir wissen, was gut tut.
Kommt zu uns, wenn ihr müde seid. Wenn ihr nicht mehr wisst. Wir kochen euch was Warmes. Wir sitzen bei euch.
Wir sagen: Geht nicht allein. Niemand muss allein. Und wir glauben – Dass etwas Großes in allem wohnt. In einem Lächeln. In einem Stein. In einem Windhauch. In jedem Tag. Man kann es nicht sehen, nicht greifen, nicht erklären. Aber manchmal spürt man’s. Wenn man still ist. Oder wenn ein Kind lacht. Oder wenn zwei sich finden. Das ist, woran wir glauben.
Das ist alles.
Öffentliche Rüge des großen Plenums
Auszug aus dem Aushang GP-6|32-2GFII betreffende der Rückmeldung zu den eingereichten Stellungnahmen
Absatz IV | Rüge
Gerichtet an die Volksvertretenden der Schattenvölker:
Mit Bedauern wird zur Kenntnis genommen, dass sich die Vertretenden der sogenannten Schattenvölker auch auf wiederholte Einladung hin nicht zu den vorliegenden Entwicklungen äußern.
Die Bereitschaft zur konstruktiven Teilhabe am Dialog der Völker gilt gemeinhin als Grundpfeiler zivilisierter Verständigung. Wer sich dieser verweigert, stellt sich – bewusst oder unbewusst – außerhalb desselben.
Zwar steht es jeder Gruppierung frei, im Rahmen ihrer kulturellen Eigenheiten auf den Austausch mit den übrigen Völkern zu verzichten – doch sei an dieser Stelle mit gewissem Nachdruck darauf hingewiesen, dass Schweigen selten als Stärke wahrgenommen wird.
Erfahrungsgemäß führt diese Form der passiven Isolation selten zu mehr Verständnis – und noch seltener zu Respekt. Wir erteilen hiermit eine öffentliche Rüge!
In diesem Zusammenhang sei daran erinnert, dass Parallelen zur bekannten Entwicklung der Eliteeisbärenkrieger sich aufdrängen, auch wenn diese selbstverständlich nicht gezogen werden. Auch diese Ehrengardisten sind einst durch eigenwilliges Schweigen, unangemessene Distanzierung und mangelnde Kooperationsbereitschaft in ihre heutige Lage geraten.
Das Plenum betont: Dialog ist Pflicht, nicht Kür. Würde zeigt sich nicht im Rückzug – sondern im Mitgestalten der Gemeinschaft! Wer Teil des Ganzen sein will, muss auch den Mut aufbringen, gehört zu werden. Und wer glaubt, sich durch Schweigen über die Angelegenheiten aller zu erheben, verkennt den Unterschied zwischen Würde und Trotz.
Sammlung der Übereinkünfte der Gründungs-Carta
Zur Rolle von Glaubensäußerungen und den allgemein damit verbundenen Praktiken im öffentlichen Raume
Auf der Grundlage von geltender Ordnung und gemäß der niedergelegten Übereinkünften aus der Gründungs-Carta von Ligath Tureen, verortet im Abschnitt II unter dem Absatz 17 („Wahrung der ideellen Neutralität in gemeinschaftlichen Entscheidungsfragen“), erklärt das Große Plenum bekräftigt durch das allseits vereehrte Monarchendreigestirn Folgendes:
In Ligath Tureen besteht kein anerkannter oder offiziell vertretener Glaube.
Persönliche Überzeugungen, spirituelle Richtungen, kultische Handlungen, religiös anmutende Ausprägungen oder rituelle Traditionen dürfen im privaten Rahmen frei praktiziert werden, sofern sie keinerlei Auswirkung auf die geregelte Funktionsweise des Gemeinwesens oder das allgemeine Verwaltungshandeln haben.
Das einzige dem übergeordnete Prinzip in der Führung und Orientierung des Völkerbundes von Ligath Tureen, der geeinten Kinder Artikas bleibt und ist der Mond – als kosmisches Ordnungszeichen, als Taktgeber des Wandels, als Symbol kollektiver Zyklen.
Entscheidungen, Auslegungen, Richtlinien und symbolische Deutungen, die sich nicht mit der Ordnung des Mondes vereinbaren lassen, finden im Plenum keine Berücksichtigung.
Möge der Mond klar bleiben!
Ausschnitt aus der Sammlung der Übereinkünfte der Gründungs-Carta Version I , ausgestellt und bekräftigt durch das Monarchendreigestirn am Tage der Neuformierung Ligath Tureens und der Einung der Kinder Artikas