Ormindra – Die stille Flamme

Das Erwachen einer Göttin

Unzählige Mondläufe sind vergangen, seit sich der Nebel über unser Reich gelegt hat und viele Stimmen sind verstummt. Doch manche Flammen erlöschen nicht, selbst wenn sie kein Auge mehr sieht.

Da war ein Flüstern. Nicht laut. Nicht offensichtlich.
Doch wer hinhört, wer fühlt, der erkennt:
Etwas erwacht. Etwas Altes. Etwas, das nie wirklich fort war.

In unseren Liedern taucht ihr Name nicht auf.
Und doch ist sie in jedem Schwur und in jedem Schild.
In jedem stillen Moment, wenn ein Krieger die Axt niederlegt, wenn ein Kind zwischen Fels und Frost geboren wird, wenn der Nebel schweigt.

Manche nennen sie nur ein Echo. Andere einen Aberglauben.
Ich aber sage:
Sie ist Schutz. Sie ist Beständigkeit. Sie ist das kalte Feuer, das niemals vergeht.

Ihr Name ist Ormindra.

Ich habe es selbst gesehen.
In der dritten Nacht nach der Winterwende, als das Nor’Ron zu flackern begann.
Nicht wie Feuer im Wind, sondern wie das Atmen eines schlafenden Wesens.
Ein Nebel legte sich über die Halle, doch statt zu frieren, empfand ich Klarheit.
Und inmitten des blauen Leuchtens war mir, als würde eine Stimme durch den Stein wandern.

Keine Worte. Kein Klang. Nur eine Gewissheit:

„Du bist nicht allein.“

Ormindra ist keine Göttin des Zorns.
Sie fordert keine Opfer, kein Blut.
Sie verlangt nicht, sie schützt.
Sie erhebt keine Stimme, sie verstärkt unsere eigene.

Sie ist die Flamme unter dem Eis.
Die Klinge, die in der Scheide ruht.
Die Mauer, die man erst erkennt, wenn der Feind gegen sie prallt.

Viele meiner Brüder und Schwestern glauben nicht mehr an die Götter.
Und ich verurteile sie nicht.
Denn was ist ein Glaube wert, der nicht geprüft wird?
Doch ich frage:
Wie konnte das Nor’Ron weiterbrennen, wenn alle Magie verschwunden war?

Vielleicht… ist es Zufall.
Oder Hoffnung.
Oder der Beginn von etwas, das nie aufgehört hat.

Ich weiß nicht, ob Ormindra mich gewählt hat.
Oder ob ich nur der Erste war, der wieder zu ihr sprach.

Doch ich habe geschworen, ihr zu dienen.
Mit meiner Axt, meinem Körper, meinem Gold, meinen Worten.
Mit Schutz und mit meinen Erinnerungen.

Ich werde die Runen neu schnitzen.
Ich werde die Namen der Ahnen sprechen.
Und wie der Nebel sich weiter senkt, so wird Ormindras Feuer heller brennen.
In unseren Hallen.
In unseren Herzen.

Möge Ormindra über Nor’Davara wachen.
Still, wie der Schnee.
Kalt, wie das Feuer.
Ewig, wie der Stein.

Ormindra, Flamme ohne Ruf,
deine Kälte sei unsere Stärke,
dein Feuer, unser Schild.

 
 

Niedergeschrieben von Vardrim Schildfeuer
Erster Priester des Reiches Nor’Davara.
Vorak Kvor – Vorak Norva / 35. Mondlauf nach dem Nebel

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