Der Glaube kehrt zurück – leise, kalt und unaufhaltsam.
Vardrim stand mit den Füßen fest auf dem vereisten Boden von Nor’Rakhan und genoss die morgendliche Kälte. Diese Kälte war nichts Neues. Sie gehörte zu seinem Leben wie die schwere Lederschürze seines Vaters oder das Hämmern in den Hallen der zweiten Ebene. Doch heute war etwas anders. Der leichte Dunst, der morgens immer durch Nor’Rakhan wehte, war dichter als sonst. Er kräuselte sich seltsam, als würde etwas atmen. Etwas, das ihn sah. Und in seinem Innern regte sich ein Gefühl, das ihn schaudern ließ. Nicht vor der Kälte, sondern vor der Gewissheit, dass dieser Tag nicht wie andere war.
In der Nacht zuvor hatte er geträumt. Von einer Halle aus dunklem Eis. Von einer Flamme, die nicht brannte, sondern leuchtete wie glühender Nebel. Und von einer Stimme, die kein Echo war. Sie hatte nicht gesprochen, aber etwas in ihm berührt. Als er aufgewacht war, war seine Haut nicht nur kalt, sondern feucht vom Schweiß, als wäre er eine weite Strecke gerannt. Und auf seiner rechten Hand war eine seltsame Linie. Dünn, kaum sichtbar, aber eindeutig. Wie eingebrannt. Wie ein Zeichen. Als hätte der Traum ihn berührt, nicht nur begleitet.
Vardrim erlebte den Tag wie durch einen Schleier. Er arbeitete, doch sein Geist schweifte ab. Immer wieder sah er sich um und lauschte auf Geräusche, die nicht da waren. Als er am Abend allein in den Wohnräumen war, wagte er es, seine Hand ins Licht zu halten. Die Linie war noch da. Und als er die Augen schloss, hörte er es wieder, dieses Flüstern. Kein Klang. Keine Worte. Aber eine Richtung. Der Ruf war nicht laut. Aber er war da. Und er kam von unten. Von tief unter dem Berg.
Er konnte nicht schlafen. Nicht wirklich. Er wälzte sich in seinen Fellen herum und wartete auf etwas, vielleicht ein Zeichen. Vielleicht Mut. In den frühen Morgenstunden schlich er sich aus dem Haus, zum Rand der zweiten Ebene und den alten Versorgungsstollen, die in die tieferen Ebenen führten, aber seit Jahrzehnten nicht mehr genutzt wurden. Die Luft war trocken, das Licht flackerte.
„Was suchst du hier, Schildfeuer?“ Die Stimme kam aus dem Schatten. Vardrim zuckte zusammen, dann erkannte er die gedrungene Gestalt von Gramdir, einem der Schmiedelehrlinge. Wahrscheinlich war er Vardrim gefolgt. Breit gebaut, ein wenig zu selbstsicher, mit dem spöttischen Blick eines Zwergs, der sich selbst für wichtiger hielt als die Tradition. „Jemand hat nach mir gerufen.“ Vardrim versuchte nicht zu klingen, wie er sich fühlte. Unsicher. Verloren. Gramdir lachte rau. „Hast du dir den Kopf gestoßen? Wer sollte hier nach dir rufen?“
Vardrim trat näher. „Es war ein Traum. Aber mehr als das. Ich glaube… es ist wichtig. Vielleicht rufen die Ahnen nach mir.“ Gramdir verstummte, aber nicht aus Respekt. Eher, weil er überrascht war. Dann kam das Grinsen zurück. „Die Ahnen also? Oder vielleicht sogar die Götter? Willst du jetzt ein Prophet werden, Vardrim?“ Das Wort stach wie ein Hieb. „Die Götter schweigen seit der Zeit des Aschenebels, du Farnok. Kein Zwerg glaubt an alten Staub und Schatten. Und wenn doch, dann bringt ihn das schneller ins Grab als ein Sturz im Eisbruch.“ Mit einem letzten, höhnischen Blick drehte sich Gramdir um und ließ Vardrim allein.
Doch es war zu spät für Zweifel. Vardrim hatte den Ruf gespürt. Hatte ihn gehört. Und obwohl Gramdirs Worte brannten wie Schmiedeglut auf nackter Haut, konnte er nicht mehr zurück. Er würde es beweisen. Irgendwie.
In den nächsten Tagen begann er, alles zu sammeln, was er finden konnte. Alte Lieder. Fragmente aus dem „Vne Tharn“. Fragmente über Rakhans Verschwinden. Die Glut in der Tiefe. Das uralte Flüstern im Eis. Die erste Flamme. Vieles war nur Legende, doch hin und wieder tauchte ein Name auf: Ormindra. Nicht als Göttin. Nicht als Königin. Sondern als etwas, das war, lange bevor es Worte gab. „Die Flamme unter dem Eis“, stand in einem der Texte. „Der Schild, der keinen Klang macht.“
Er verbrachte viel Zeit in den Archiven und eines Nachts betrat er, ohne dass es ihm wirklich bewusst war, die Halle der Könige. Niemand war dort, nicht einmal die königlichen Wachen. Nur das Nor’Ron in der Mitte des Raums, das ewige, blaue Feuer. Er trat näher, mit einem Verlangen, das er selbst nicht erklären konnte. Und das Feuer… flackerte. Nur ein Hauch. Nicht wie im Wind, sondern wie ein Atemzug. Das Licht veränderte sich. Und Vardrim hörte es wieder. Nicht in seinem Kopf. Nicht in seinen Ohren. Sondern tief in seinem Inneren. „Du bist nicht allein.“
Seine Knie gaben nach, sein Körper zitterte. Und auf seiner rechten Hand erschien das Zeichen erneut. Heller, glühender, wie eingebrannt. Sein Herz hämmerte, als würde es aus seiner Brust brechen. Denn in diesem Moment wusste er: Es war echt. Ormindra war da. Die Göttin war nie fort gewesen. Sie hatte nur geschwiegen. Doch nun sprach sie wieder. Durch ihn.
Am nächsten Tag wagte er es. Er sprach im Ratskreis seines Clans, vor seinem Vater, vor den Ältesten. Und was er sagte, ließ die Halle erstarren.
„Die Götter kehren zurück. Ormindra lebt.“
Was folgte, war keine Stille, sondern Hohn. Spott. Ablehnung. Selbst sein Vater konnte ihn nicht verteidigen. „Du sprichst wie ein Gorvran im Fieber.“ „Ein Farnok, der sich wichtig machen will.“ „Drakkar – Wortbrecher!“ Die Worte fielen wie Hämmer auf einen Amboss. Vardrim wurde fortgeschickt. Nicht verbannt, dazu war seine Schuld nicht groß genug, aber verstoßen. Er verlor seinen Platz in der Schmiede. Seinen Namen im Clan. Und das, weil er allein war mit seinem Glauben.
Doch Vardrim schwor sich eines: Er würde zurückkehren. Mit Beweisen. Mit Wahrheit. Und mit der Flamme Ormindras, leuchtend wie Schnee im Sonnenlicht. Denn er war nicht allein.
Der Wind vor den Toren von Nor’Rakhan war messerscharf, als Vardrim die Stadt verließ. Kein Trommelschlag begleitete sein Gehen, kein Bruder rief ihm nach. Er trug nur einen Rucksack mit dem Nötigsten, einen dicken Umhang aus geflicktem Wolfspelz und in seinem Herzen eine Flamme, die er nicht löschen konnte, selbst wenn er gewollt hätte. Sein Blick ging kein einziges Mal zurück. Nicht aus Trotz. Sondern weil er wusste, dass dort nichts mehr auf ihn wartete. Nicht sein Vater. Nicht sein Heim. Nur die Kälte. Und das endlose Dröhnen der Schmiede, das er nun wie ein Vorwurf in den Ohren trug.
Er wanderte nordwärts, in Richtung der alten Minen unter dem Gletscherrücken, einem Ort, den man heute mied. Die Stollen dort waren teils eingestürzt, teils verlassen. Man sagte, der Nebel sei dort besonders dicht, und dass dort… Dinge hausten. Die meisten hielten es für Hirngespinste oder alte Märchen. Doch Vardrim suchte genau das: den Ort, den niemand mehr betreten wollte. Wenn Ormindras Stimme irgendwo zu finden war, dann dort, wo die Gänge weit in die Tiefe der Berge führten und wo das Schweigen am lautesten war.
Tagelang stapfte er durch Schnee und Eis, schlug sich durch verwehte Pfade, während seine Gedanken wie Splitter in ihm arbeiteten. Warum gerade er? Was hatte er getan, um erwählt zu werden? War es wirklich eine Erwählung… oder doch Wahnsinn? Immer wieder hörte er ihre Stimme oder glaubte es zumindest. Manchmal nur als Flüstern in der Stille, manchmal als Druck in der Brust. Zweimal stürzte er fast in Felsspalten. Einmal verbrachte er eine ganze Nacht halb vergraben im Schnee, sein Körper taub, der Schlaf drohend, süß und tödlich.
Und doch ging er weiter.
In einer nebligen Dämmerung, er wusste nicht mehr, ob es Morgen oder Abend war, erreichte er den Eingang zu der alten Mine. Der Eingang war halb verschüttet, von Schnee und Fels begraben, doch die grob gehauenen Zeichen über dem Tor waren noch sichtbar. Runen, die längst vergessen waren. Vardrim berührte sie mit seinen Fingern und spürte Wärme. Nicht körperlich. Sondern… seelisch. Als würde etwas in ihm nicken.
Er drückte sich hindurch, kroch zwischen Eisplatten und Geröll, bis er das Innere erreichte und Dunkelheit schlug ihm entgegen. Er zündete seine Laterne an, das schwache Licht flackerte über Wände, die von Moos und Reif überzogen waren. Hier drin war kein Klang. Kein Wind. Kein Tropfen. Nur das Kratzen seiner Schritte auf dem Stein. Und das leise Pochen seines Herzens. Er hatte keine Karte, keine Wegbeschreibung. Nur das Gefühl, das in seiner Brust brannte, wie ein Seil, das ihn zog.
Stunden vergingen. Vielleicht Tage. Immer tiefer drang er in das vergessene Gewirr ein. Er zeichnete Markierungen an die Wände, wie er es als Kind gelernt hatte. Aber irgendwann… hörte er damit auf. Denn die Zeichen waren bereits da. Kratzer. Runen. Muster, die fast verschwunden waren. Und je tiefer er ging, desto deutlicher wurden sie. Die Wände begannen zu sprechen. Wie Lieder ohne Ton. Und dann, in einer Kammer tief unter dem Gestein, fand er sie.
Eine Halle. Rund, verlassen, zur Hälfte eingestürzt. Doch in der Mitte: Ein Altar. Aus schwarzem Stein. Rau, unbehandelt. Aber auf der Oberseite: Eine glatte, kreisrunde Fläche aus Frostglas. Er trat näher, zögerlich. Und dann geschah es.
Seine Hand berührte das Glas. Und es glühte.
Nicht wie Feuer. Sondern wie kalter Nebel, blau und still. Und in seinem Innersten bebte es. Ormindra sprach. Nicht in Sätzen. Nicht einmal in Gedanken. Sondern in Gewissheit. „Du bist mein Schild. Du bist mein Feuer.“
Er fiel auf die Knie. Tränen froren auf seinen Wangen. In diesem Moment wusste er, dass all die Zweifel, all der Spott, all das Verlorene… richtig gewesen war. Es war keine Einbildung. Es war ein Ruf. Und er hatte geantwortet.
Er wusste nicht, wie lange er dort lag. Irgendwann schlief er ein. Und als er erwachte, brannte das kalte Licht noch immer unter seiner Hand. Und auf der Wand über dem Altar war ein neues Zeichen: Eine Flamme. Mitten im Stein. Eingebrannt, als hätte das Gestein selbst sich daran erinnert. Vardrim stand auf. Und zum ersten Mal seit seinem Aufbruch spürte er Stärke in seinen Gliedern. Er war kein Kind mehr. Kein Träumer. Er war ein Zeuge.
Der Rückweg war nicht leichter, aber er ging ihn mit anderer Haltung. Und dennoch: Als er nach Nor’Rakhan zurückkehrte, erwartete ihn kein Empfang. Nur Stirnrunzeln. Mitleid. Ablehnung. „Schon wieder dieser Schildfeuer.“ „Er redet immer noch von Göttern.“
Selbst sein Vater drehte sich weg. Gramdir, der Schmiedelehrling, spuckte vor seinen Füßen aus. „Bist du wieder zum Beten gegangen, Farnok? Oder hast du eine Schneeflocke gesehen und dich von ihr segnen lassen?“ Lachen. Hohn. Und doch: Vardrim schwieg nicht mehr. Er sprach. Immer wieder. Wo auch immer man ihn ließ, erzählte er von der Flamme unter dem Eis. Von Ormindra. Von der Stille, die kein Schweigen war. Und er wurde verachtet. Belächelt. Manche nannten ihn einen Norvrot, einen Kaltherzigen, weil er sich von den Lebenden entfernte. Andere, ein Drakkar, ein Wortbrecher, weil er gegen alles sprach, was als Ordnung galt.
Und doch… es waren nicht alle.
Ein Kind hörte ihm zu, als er an einem Brunnen sprach. Eine alte Frau schenkte ihm Brot, schweigend, aber mit Blicken, die mehr sagten als Worte. Und in einer späten Nacht trat ein junger Krieger an ihn heran. „Ich habe es gesehen“, flüsterte er. „Im Nebel. Eine Flamme, die nicht brennt. Ich dachte, ich wäre verrückt.“
Vardrim legte ihm die Hand auf die Schulter. „Du bist nicht verrückt“, sagte er. „Du bist erwacht.“
So begann es. Nicht mit einem lauten Ruf. Sondern mit vielen leisen. Nicht mit einem Schrei. Sondern mit einem Flüstern. Und Vardrim wusste: Der Fluch des Unglaubens war nicht ewig. Die Götter hatten nicht geschwiegen. Sie hatten gewartet.
Und nun… kamen sie zurück.
Der Morgen nach jenem Gespräch mit dem jungen Krieger fühlte sich anders an. Vardrim wachte nicht mit Zweifel auf, nicht mit der lähmenden Angst vor Spott oder dem Stich der Einsamkeit. Er spürte etwas, das er seit seiner Kindheit nicht mehr gefühlt hatte: Zuversicht. Nicht groß, nicht laut, eher wie ein winziger Funke unter einer dicken Eisschicht, der trotzdem nicht erlosch. Er stand früh auf, zog seine Fellrüstung an und machte sich auf den Weg zur Halle der Könige. Heute würde er es noch einmal versuchen. Doch dieses Mal direkt beim König selbst.
Die Ratshalle war wie immer gut besucht. Händler, Krieger, Schmiede. Vertreter aller neun Clans waren dort versammelt und in ihrer Mitte saß König Nolandar Tharn selbst, jung, entschlossen und mit einem Blick, der Fels hätte spalten können. Vardrim wartete, bis die Bittsteller ihre Angelegenheiten vorgetragen hatten. Erst dann trat er vor. Ein Raunen ging durch die Menge. „Schildfeuer ist wieder da“, flüsterte jemand. „Der Götterspinner.“ „Er wird gleich wieder ausgelacht.“ „Lass ihn reden, dann ist er schneller weg.“
Vardrim kniete nieder, wie es die Tradition verlangte und erhob dann die Stimme: „Tharn Nolandar. König der Davara. Ich komme nicht als Schmied, nicht als Händler, nicht einmal als Sohn eines Clans. Ich komme als Zeuge. Ich habe die Flamme gesehen.“ Ein leises Lachen hallte durch die Halle. Nolandar hob die Hand und es wurde wieder still. „Die Flamme?“, fragte der König kühl. „Du sprichst von diesem Traum, den du in den verlassenen Stollen hattest?“ Vardrim hielt dem Blick stand. „Kein Traum. Eine Wahrheit, die älter ist als unser Volk. Ormindra spricht. Nicht mit Worten, sondern mit Gewissheit. Und sie verlangt nicht nach Blut oder Ruhm. Sie verlangt nach Schutz. Nach Erinnerung. Nach dem, was wir verloren haben.“
„Wir haben nichts verloren“, knurrte einer der Clanführer. „Wir sind stärker denn je. Die Schmieden brennen, unsere Klingen glänzen, der Nebel zieht sich immer weiter zurück. Wozu brauchen wir eine Göttin?“ „Weil wir vergessen haben, wer wir sind“, entgegnete Vardrim. „Wir bauen und kämpfen, aber wir fragen nicht mehr, warum. Wir glauben an Stahl, aber nicht an das, was ihn führt. Ormindra ist nicht hier, um uns zu beherrschen. Sie ist hier, um uns zu erinnern.“
Stille. Kein Gelächter diesmal. Nur schweres Schweigen. Nolandar erhob sich von seinem Sitz. „Und was verlangst du von uns, Schildfeuer?“ Vardrim atmete tief durch. „Nur eine Chance. Lasst mich zurückkehren zu der Halle unter dem Berg. Lasst mich zeigen, was dort ruht. Wenn ich nichts finde, werde ich schweigen. Für immer. Aber wenn ich recht habe… dann müsst ihr zuhören.“
Der König sah ihn lange an, dann nickte er langsam. „Du bekommst deine Chance.“ Ein Murmeln ging durch die Menge. Einige waren empört, andere neugierig. Doch Vardrim hörte sie nicht mehr. Sein Herz raste. Es war mehr, als er erwartet hatte. Vielleicht war es das erste kleine Risschen im Panzer des Unglaubens.
Drei Tage später stand er wieder vor dem verschütteten Eingang der alten Mine. Diesmal war er nicht allein. Drei Krieger begleiteten ihn, darunter der junge Zwerg, der ihn nachts angesprochen hatte. Er hieß Rurik und war ein Sohn des Clans Eisenklaue. Ein mutiger Bursche, heißblütig und neugierig. „Ich weiß nicht, ob ich an deine Göttin glaube“, murmelte Rurik, während sie sich durch den Tunnel kämpften. „Aber ich glaube dir. Und das ist ein Anfang.“
Die Dunkelheit verschluckte sie bald, tiefer als beim ersten Mal. Sie gingen schweigend, das Echo ihrer Schritte war das einzige Geräusch. Nach Stunden, die sich wie Tage anfühlten, erreichten sie wieder die Kammer mit dem Altar. Doch diesmal war sie anders. Das Frostglas in der Mitte glühte bereits schwach, bevor Vardrim es berührte. Ein dünner Nebel schwebte über dem Boden, wie atmend. Und an den Wänden… neue Runen. Frisch. Als wären sie erst gestern gezeichnet worden.
Rurik wich zurück. „Bei den Ahnen…“ Einer der Krieger machte ein Zeichen gegen böse Geister. „Was ist das?“ Vardrim trat vor. „Das ist sie.“ Er legte die Hand auf den Altar, und sofort breitete sich die Kälte in seinem Arm aus, kriechend, aber nicht schmerzhaft. Die Runen begannen zu leuchten, eine nach der anderen, bis die ganze Kammer in sanftem blauem Licht badete. Und dann war da wieder die Stimme. Stärker. Klarer. „Du bist nicht allein. Und du warst es nie.“
Die drei Krieger starrten ihn an, als sie sahen, wie sich ein Symbol in den Stein brannte: ein Schild, umschlungen von einer Flamme. Es war das gleiche Zeichen, das Vardrim im Traum gesehen hatte. „Das… ist unmöglich“, flüsterte Rurik. „Kein Feuer. Keine Schmiede. Und doch…“ „Es ist Ormindra“, sagte Vardrim leise. „Sie war immer hier. Sie war nie fort.“
Als sie zurückkehrten, verbreitete sich die Nachricht schneller, als Vardrim gehofft hatte. Es war nicht mehr nur er, der sprach. Es waren nun vier. Dann acht. Dann Dutzende. Manche lachten immer noch, andere spotteten, doch Zweifel kroch in ihre Stimmen. Selbst Nolandar Tharn ließ Vardrim erneut vor den Rat treten. Diesmal war der Ton ein anderer. „Ich habe Berichte erhalten“, sagte der König. „Von einem Licht tief unter dem Berg. Von Zeichen, die niemand geschmiedet hat. Ich weiß nicht, ob ich an deine Göttin glaube, Schildfeuer. Aber ich weiß, dass sich etwas bewegt.“
„Nicht etwas“, antwortete Vardrim. „Jemand.“
Der König schwieg. Dann trat er vor und legte Vardrim die Hand auf die Schulter. „Dann sei es dir gestattet, das Wort deiner Göttin zu verbreiten. Sei ihr Priester. Sei unser Priester. Und wenn du recht hast, dann ist dies der Beginn einer neuen Ära.“
Vardrim konnte nichts sagen. Er verneigte sich tief. Und in seinem Herzen brannte die stille Flamme heller als je zuvor.
Er lächelte. Denn nun wusste er: Die Götter hatten nie aufgehört zu sprechen. Es waren die Davara, die aufgehört hatten zu hören. Doch nun hörten sie wieder. Und die stille Flamme “Ormindra” würde nie wieder verlöschen.
Niedergeschrieben von einem Diener Ormindras
Für die Göttin. Für Nor’Davara. Für die Zukunft.
Vorak Kvor – Vorak Norva / 35. Mondlauf nach dem Nebel