WER DAS FEUER EHRT, EHRT DAS LEBEN SELBST.
DENN IN SEINEN FLAMMEN LIEGT WANDEL,
IN SEINEM LICHT ERKENNTNIS
UND IN SEINER WÄRME DIE LIEBE DER GÖTTIN.
— Lehrwort von Sylqhahan Yshmal Mayjalem,
ehemaliger Hohepriester des Tempels der Vnelyra zu Dal Am’Shyjiv, verstorben während der Aschezeit –
Die Lehre der Elemente
In allem Sein ruht die Macht der vier Elemente:
Erde, Feuer, Wasser und Luft.
Wir wissen, dass es vielerlei Interpretationen, Auslegungen und Repräsentationen der elementaren Kräfte gibt. So zählen je nach Auslegung Metall oder Stein, welche wir der Erde zugehörig sehen, als eigene Elemente, ebenso Eis, welches wir als dem Wasser zugehörig begreifen, oder Licht, welches in unseren Lehren dem Feuer zugeschrieben wird. Auch die Magie wird wohl in manchen Lehren als eine Elementarmacht deklariert, welche für uns ein eigenständiges Kräftegefüge ist. Was immer wir für eine Interpretation anwenden, so bleibt es doch der unvollkommene Versuch, etwas in Formen zu leiten, was unseren Geist zuweilen übersteigen mag. So ist es nicht mein Ansinnen, belehrend den Standpunkt unserer Kultur als den alleinig wahren zu deklarieren, sondern die anderen Kulturen an unserer Sicht der Welt Anteil nehmen zu lassen.
In unserem Verständnis sind die vier besagten Elemente die Säulen, auf denen Darshiva gegründet ist, und in ihrem Gleichgewicht atmet die Welt. Jeder Stein, jeder Windhauch, jeder Tropfen trägt ihr Wesen in sich. Auch wir, die Kinder der Flamme, sind aus ihnen geformt: fest wie Erde, wandelbar wie Wasser, frei wie Luft – und beseelt durch das Feuer.
Vnelyra, unsere Göttin, ist das strahlende Herz dieses Gefüges. Sie ist nicht das Feuer selbst, sondern das göttliche Prinzip, das es erfüllt: die Flamme, die Erkenntnis schenkt, das Licht, welches das Dunkel erhellt, und die Flamme, die Wandel gebiert. So wie das Feuer in der Welt Wärme spendet und verzehrt, so schafft Vnelyra Leben und fordert zugleich Veränderung.
Der Tempel lehrt, dass die Elemente nicht getrennt voneinander existieren, sondern sich in allen Dingen widerspiegeln. Feuer kann ohne Luft nicht brennen, Erde kann ohne Wasser nicht fruchten. Ebenso sind in jedem Wesen alle vier Kräfte vereint, da nur durch ihr Zusammenspiel vollständiges Leben möglich ist.
So war unser Volk nicht mehr als eine Hülle, geschaffen durch den Urgott Raqhal, ehe uns Vnelyra den göttlichen Funken einhauchte, welchen wir Seelenfeuer nennen. Der Mythos, welcher dies beschreibt, wurde im 7. Buch der Zeit im 29. Mondlauf durch Alsyn Bennev Seannyal, Ratsmitglied für Kultur und Gemeinschaft, niedergeschrieben.
Die fünf Aspekte der Göttin
Leben
Dieser Aspekt der Göttin, ist nicht als exklusiv zu verstehen. Feuer alleine erzeugt kein Leben. Doch ist Vnelyras Anteil unabdingbar im Gefüge von Feuer, Erde, Luft und Wasser. Die Göttin gab uns Seele und Atem. Wo sie weilt, dort erblüht Leben, und wo ihre Flamme verlöscht, bleibt Stille und Kälte. Durch sie wird das Leben mehr als bloßes Dasein: Es ist das bewusste Begreifen und Ergreifen des eigenen Feuers – der Wille, zu handeln, zu fühlen, zu gestalten, zu verstehen.
Wandel
Wie Feuer verzehrt, um Raum für Neues zu schaffen, so ermutigt Vnelyra uns, Veränderung nicht zu fürchten. Erst durch Wandel bleibt das Leben wahrhaft lebendig. Der Tempel lehrt: „Stillstand ist das Erlöschen des Seelenfeuers.“ Darum preisen wir das Werden über das Sein, die Vielfalt über die Einheitlichkeit.
Kraft
Nicht rohe physische Stärke, sondern vielmehr die innere Glut, die Mut und Ausdauer schenkt, ist Vnelyras Geschenk. In Prüfungen erkennen wir sie, wenn wir standhalten; im Scheitern, wenn wir wieder aufstehen und im Angesicht der Verzweiflung nicht verzagen. Denn Kraft ist das Wissen um die eigene Flamme – und das Vertrauen, dass sie besteht und weiter bestehen wird.
Leidenschaft und Schöpfung
Vnelyra liebt das musische Feuer in allen Dingen. In Musik, Tanz, Dichtung und bildender Kunst erkennt sie ihre Kinder, denn in jeder Form von Leidenschaft – sei sie sinnlich, schöpferisch oder geistig – brennt eine unnachahmliche Freude. So lehrt der Tempel, dass jedes Kunstwerk ein Opfer an sie ist, wenn es mit Hingabe geschaffen wurde. Jeder schöpferische Gedanke ist ein kleines Gebet und jeder lustvolle Liebesakt eine Ode an die Göttin.
Weisheit und Erkenntnis
Feuer erhellt durch sein Licht und bringt somit Erkenntnis – doch kann es auch blenden. Darum ist Weisheit das Gleichgewicht zwischen Eifer und Maß. Sie unterscheidet den Brandstifter vom Lichtbringer. In diesem Aspekt ist Vnelyra jene Stimme in der Stille des Feuers, die uns mahnt, ehe wir verbrennen.
Die Elemente in der göttlichen Sphäre
Der Glauben unseres Volkes basiert darauf, dass es eine weitere Sphäre gibt, in welcher die Götter leben. Durch arkane Rituale und übernatürliches Wirken allein ist es möglich, die Grenze zwischen diesen Sphären zu überschreiten. Die Elementarmächte existieren in beiden Sphären: sowohl auf Darshiva (unserer physischen Welt) wie auch in Sylshijam (der Sphäre der Götter). Vnelyra ist Teil des göttlichen Feuers und durch die Verbindung zwischen ihr und unserem Volk sowie anderen Gläubigen, welche sie anrufen, gelangt es in unsere Welt.
Die vier Elemente in Glauben und religiöser Praxis
In den Tempeln von Al’Umbryjil wird jedes große Gebet im Rahmen der vier Elemente gesprochen. Ein Priester ruft zuerst die Erde, um Standfestigkeit zu erbitten; dann Wasser, um Reinheit des Herzens zu suchen; danach Luft, um den Geist zu öffnen – und schließlich Feuer, um Vnelyras Segen zu empfangen. So erinnern wir uns: Nur wer die Harmonie der vier Kräfte in sich trägt, kann das göttliche Feuer wahrhaft empfangen. Denn das Feuer – ob in unserer Welt oder in anderen Sphären – ist alleine niemals vollkommen. Und auch das göttliche Feuer wird nur heilbringend, wenn es im Sinne der Göttin geleitet wird – von der Leidenschaft, die das Leben bejaht, vom Gleichgewicht zwischen Eifer und Maß und von der Weisheit, die aus der Erkenntnis wächst, dass dieses Feuer nur im Gefüge aller Elemente bestehen kann.
So ehren wir nicht das Feuer allein, sondern die Gesamtheit der Elemente und auch ihre verschiedenen Inkarnationen, über welche ich gerne in einem weiteren Beitrag berichten werde, um hier nicht den Rahmen zu sprengen.
Das Symbol der Priesterschaft und seine Bedeutung
Es gibt viele Symbole für die Göttin, den Glauben und die Priesterschaft der Vnelyra. Doch das am häufigsten auftretende mag ich hier kurz erläutern.
Der alles umschließende Kreis – oder besser ausgedrückt: der Ring – symbolisiert die Gesamtheit, die Ewigkeit und die Ganzheitlichkeit des kosmischen Gefüges. Das Quadrat darin symbolisiert die vier Elementarmächte im Gleichgewicht. Diese einfache Kombination findet sich auch alleinstehend als Symbol für die vier Elemente oder als Teil vieler anderer Symbole, welche sich auf die vier Elemente beziehen. Das zentrale Element symbolisiert das göttliche Feuer – dargestellt durch eine lodernde Flamme – welches in unsere Sphäre gelangt.
Das Dreieck (meist gleichschenklig mit der Spitze nach unten) ist das Symbol für Darshiva. Die Zahl “3” symbolisiert für uns alles diesseitige und alles, was in unserer Welt wirkt. Sie findet sich immer wieder, in der Zahl unserer Monde, in den Mondläufen unserer Weltenläufe, in den Sonnenläufen unserer Mondläufe und in den Stunden unserer Sonnenläufe. Im Vnelayjahnischen trägt die Zahl 3 den Namen “Dharsh” – es wird noch geforscht, ob der Name Darshiva aus dieser Zahl entstand oder ob es umgekehrt der Fall ist. Letzteres ist wahrscheinlicher, da auch andere Völker, welche die Sprache unseres Volkes nicht kennen, diese Welt bei gleichem Namen nennen.
Die Art des Glaubens
Unser Glaube wird nicht als Unterwerfung gelebt. Er wird nicht durch Angst vor dem Zorn der Götter oder der Gier nach Macht gespeist. Er ist in uns, durchdringt uns, wie das Leben selbst. Wir sind dankbar für das Geschenk, welches die Göttin uns einst gab und welches sie uns fortwährend gibt. Sie ist die Mutter unseres Volkes. Das alleine mag nicht ausreichend sein, um unsere enge Verbindung zu erklären. Wie ein Jungtier sich von seinen Eltern emanzipiert und das Nest verlässt, wandeln auch wir frei durch diese Welt. Nicht die Göttin lenkt unsere Schritte, sondern wir selbst. Nicht die Göttin bestimmt unser Denken und Handeln, sondern wir. Die Verbindung zu ihr suchen wir aus freien Stücken. Und wie eine gute Verbindung zu einer Mutter nicht selbstverständlich ist, so bedarf es auch hier Pflege und Arbeit von beiden Seiten.
Auch wenn sie für Generationen wie unerreichbar schien, lebte ihre Flamme in uns fort. Wir haben sie nicht vergessen und sie hat uns nicht vergessen. Das Band besteht fort, nicht weil es uns durch Fesseln dazu zwang, sondern weil wir entschieden, es nicht einfach loszulassen, im Glauben, dass auch die Göttin dies nicht tut. Die Aschezeit war eine harte Probe. Noch wissen wir nicht, was es war, das uns von unserer Urmutter trennte, doch die Priester des Tempels forschen nach Antworten und befragen die Göttin. Ihre Stimme ist bislang nur ein leises Flüstern, doch sie kehrt zurück und mit ihr das göttliche Feuer, welches sie uns schenkt.
So wurde in diesem, dem 35. Mondlauf der Dämmerung, meine Tochter Aldavha Sheyrasa Am’Sylajid, welcher ich von Kindesbeinen an die Lehren der Göttin vermittelte, als erste Priesterin seit dem Kataklysmus mit der Gabe des göttlichen Wirkens gesegnet.
Schlusswort
Vnelyra ist keine ferne Göttin, kein stilles Götzenbild. Sie ist die Bewegung in unserem Tanz, das Auflodern in unserer Stimme, das Glühen in den Augen jener, die glauben. Wenn wir die Flamme entzünden, tun wir es nicht, um sie zu rufen – wir tun es, um uns ihrer Gegenwart zu erinnern. So beten wir das Feuer nicht an – wir beten durch das Feuer. Denn die Flamme der Göttin wohnt in uns und jede unserer freien Handlungen ist ein Funken ihres Feuers, in dessen Licht wir uns selbst erkennen.
niedergeschrieben von
Beysul Kishmeth Am’Sylajid
Hohepriester und amtierender Vorsteher
des Tempels der Vnelyra zu Dal Am’Shyjiv
im 35. Mondlauf nach der Asche